Am Hals sollt ihr sie erkennen...

Vor vielen Jahren - ich glaube die Popper waren die Ersten - begann die Jugend karierte Söckchen und Esprit-Pullover zu tragen. Auch Fruit of the Loom war schon 'gebrandet'. Replay bekam ein Problem als man die Pullover nicht mehr in die Hose steckte. Aber das Markenproblem wurde erst richtig virulent als bildungsschwache Jugendliche von ihren besser gestellten Altersgenossen teure Jacke etc. nicht ganz gewaltfrei ausliehen. Heutzutage ist das Etikettieren von Trivialgegenständen Kulturgut und common sense. Autos, Stoffe, Taschen und Schuhe ohne Markennachweis sind praktisch ein Grund zuhause zu bleiben. Seit einigen Jahren haben sich andere Werbeträger etabliert. Der lächerlichste Auswuchs sind diese Halsbänder mit Firmenaufdruck, die auf Messen die Namensschildchen oder auch Badges tragen. Es sind nicht die Bänder sondern gealterte Schlüsselkinder, die als Erwachsene allerlei Mobiltelefone, Schlüssel oder gar MP3-Player damit am Hals baumeln haben. Abgesehen von der unverständlichen Absicht, die Hosentaschen zu schonen - oder liegt es an der negativen Silhoutte die so etwas verursacht - kann ich den mangelnden Stolz nicht verstehen, der solcherlei Leute dazu veranlasst als Litfasssäule durch die Gegend zu laufen. Aber was ist schon eine Litfasssäule? Diese Dinger mit Theaterprogramm oder Ausstellungshinweisen der örtlichen Museen. Aber wer guckt da schon hin? Menschen, die so etwas als urbane Werbeinformationsinsel gelernt haben. Also Mitbürger jenseits der 35. Und in 30 Jahren werden dann die neuesten Chagallaustellungen am Hals der jungen Eltern auftauchen. Hat jede Generation eine neue Verortung der Werbebotschaften zu lernen? Neuerdings werden ja sogar Kinderbuchkataloge im Unterricht der Grundschulen verteilt und sollen dort mit Kreuzchen die Kinder und ihre zahlenden Eltern animieren, Leseförderung durch materielles Aufrüsten im Kinderregal zu betreiben. Der Lohn für die Distribution der Werbeträger und das Einsammeln des Geldes durch die Lehrer sollen verbilligte Buchpakete für die jeweilige Schulbibliothek sein. Da verwundert es nicht, wenn Ärzte sich an einem ärzteeigenen Unternehmen beteiligen, das Medikamente vertreibt, die - oh Wunder - durch die Ärzte verschrieben werden, die Aktionäre bzw. Teilhaber dieser Pharmalieferanten sind. Warum also Werbung machen und die Gelder in der Welt verschwenden. Lasst unsere Lehrer im Zweitberuf Buchändler werden und Ärzte sollen weiterhin ihre eigenen Medikamente verschreiben. Dann können wir uns bald blöde Kaufargumente an Hälsen und in Medien sparen. Fehlt nur noch, dass die Konsumenten wieder ihr eigenes Gemüse anbauen und eigene Kräuter aus dem Garten als Heilmittel einsetzen. Dann läuft es wieder rund und die Welt wird frei von ubiquitären Werbebotschaften. Freier Nacken für alle! Auch freie Damenhälse können schön aussehen. Und macht Litfasssäulen wieder zu Bäumen! Am besten Weiden, aus deren Rinde kann man das Äquivalent zu einer berühmten Kopfschmerztablette herstellen.