Ameisenvernichterin

Das Mädel da auf dem Bild bin ich. Leider. Hätte ich die Wahl gehabt, ich hätt´was anderes genommen. Aber wozu sind Gene sonst da, außer um weitervererbt zu werden? Ich hab halt Pech gehabt, aber es hätte trotz allem schlimmer kommen können. Argh. Das Leben auf dem Land. Das Leben in the middle of nowhere. Im Vergleich zu hier liegt Tittingen mitten im Zentrum der Macht. Mein Pappi hat ja nix besseres zu tun, als hier zu wohnen, fern ab von jeglicher Zivilisation (nur das Problem an der Zivilation ist, dass ich 80 Prozent der Zivis nich leiden kann, also hat der Aufenthalt hier doch auch was Gutes. Na also, immer die positiven Seiten sehen. Always look on the bright side of life). Und das mit meinen Bruder und meinem Vater (Warum nehmen die eigentlich keine Rücksicht auf mich obwohl mein Vater ganz genau WEISS dass ich psychisch labil bin??). (Mein Bruder is der junge Typ auf dem Foto, mein Pappi der alte) Wenn das hier noch so weiter geht (und unter der einen Kilometer weit entfernt lebenden Nachbarschaft bin ich sowieso eine Art Zirkusattraktion), begehe ich hier noch einen Mord, und zwar mit dem Ameisenvernichtungsmittel, welches ich grade auf die zu lynchenden Insekten gekippt hab. Kein Wunder, dass die so spastisch rumgezuckt sind, das hat nämlich schon wie das reinste Säurebad gerochen. Ich wette, wenn man das für längere Zeit einatmet, wird man nicht nur high, man bekommt auch ernste Schleimhautentzündungen, die sich bis ins Hirn fressen. Und die Viecher haben so rumgezappelt, dass sie mir für einen Moment sogar leid getan haben. Muss sich echt wie Salzsäure oder so angefühlt haben, ich wette, wenn ich das als Anschauungsmaterial in Chemie mitnähme, die komplette Fachschaft würde mich lieben. Tipp (ein oder zwei "p" ?) für Suizidgefährdete: Erschieß´ dich loieber, als das Zeug zu benutzen, es sei denn, du bist masochistisch veranlagt und stehst drauf, wenn deine Eingeweide von innen aufgefressen werden. Igitt. Runaway train. Fahrerloser Zug. Gibt ´n Lied das so heißt, ich mag es sehr gerne. Hör ich grad. Manchmal vergleiche ich mein Leben mit einem. Einem fahrerlosen Zug, meine ich. Einer Runaway train. Ich habe keine Kontrolle darüber. Noch nie gehabt, verdammte Scheiße. Die totale Fremdbestimmung. Schöne Neue Welt oder Fahrenheit 451, yeah. Man hat mich weder gefragt, ob ich mit meiner Geburt, meinem Namen, der Geburt meines Bruders, der Trennung meiner Eltern und dem zweiten Mann meiner Mutter einverstanden war noch fragt man mich heute, warum ich das hier alles tue. Sie merken´s nicht mal, diese Spastis. Fuck. Da ist es. Mein Leben. Ta-taaaa. Ich hätte es besser machen können. Ich hätte nicht damit anfangen sollen, mir Sorgen zu machen oder aufzubegehren. Oder dieses System in Frage zu stellen, hmmm? Oh ja. Das System, das man stürzen und ficken und abtreiben und was auch immer soll. Wann fing ich damit an? Vor so ´nem Jahr oder so. Als ich mit Nirvana angefangen hab. Dieser glorreiche, glorreiche Tag. Dass ich ein Punk bin, verdanke ich seltsamer Weise MTV. Echt. Klingt komisch, is´ aber so. Da liefen diese 100 beliebtesten Videos überhaupt, und dann kam da Teen Spirit. Ich bin echt voll abgegangen, hab die Lautstärke des Fernsehers aufgedreht und wie ´ne Irre auf der Couch rumgehüpft. Dann dauerte es nicht mehr lange bis ich meine erste WIZO-CD (obwohl ich WIZO inzwischen nich mehr soooo toll finde, mein aktueller Deutschpunk-Favorit ist Knochenfabrik) und mein tolles vierreihiges Nietenarmband oder blaue Haare hatte. Ich hätte auch nie im Leben den Vorhang verlieren dürfen. Wir werden unter Drogen gehalten, versteht ihr? Wir alle leben eine Lüge. Ganz viele Lügen. Is´ wie in diesem Buch da, Schöne Neue Welt. Nur dass wir halt kein Soma oder wie diese Droge da heißt haben sondern den Fernseher. Pro Sieben, yeah. Das ist die wahre Droge unserer Welt. Tagtäglich, vier Stunden am Tag hocken wir vor diesem Scheißkasten und lassen uns die schöne neue Realität der Reichen und Schönen vorgaukeln. Es ist ja so spannend, mit wem Hansi Hinterseer jetzt zusammen ist und wieviel der Trauring von Britney Spears gekostet hat. Damit betäubt uns die Regierung. Durch den Fernseher werden alle unsere revolutionären Gedanken abgetötet. Wir starren glücklich und mit einem Speichelfaden schuldbewussten Sabbers aus dem Mundwinkel hängend in die Röhre und sind zufrieden. Warum sollte man auch etwas ändern wollen? Sollte man überhaupt drüber nachdeenken, etwas zu ändern? Nein, wir haben ja RTL und MTV. Alles ist gut. Ja, schsch. Dass du so wütend bist ist nur eine Phase. Setz dich hin und guck mit Big Brother. Kind, was machst du da? Leg das Messer weg. Leg es weg, bevor du jemandem damit weh tust! Sofort! Hilfe! Nein, hör auf! Hilfe! Und dann sagen sie, das kleine Mädchen/der kleine Junge sei durchgedreht und hätte seine Eltern, die friedlich vor der Glotze gesessen haben, einfach erstochen. Psychopathen, schreibt die BILD. Falsch. Sie haben es begriffen. Sie haben begriffen, dass was faul ist in Deutschland. Sie hätten zwar nicht gleich ihre Eltern abstechen brauchen, aber sie haben es verstanden, yeah. Wieviele von euch denken grade im Moment an Revolution? Daran, aus den Klassenzimmern auszubrechen, die Lehrer zu fesseln und dann eine Tankstelle stürmen und das Rathaus mit dem erbeuteten Benzin zu übergießen und dann anzuzünden und dabei „I believe in Anarchy“ von den Exploited zu singen? Hey ho, das wär´s doch. Aber fuck, Anarchie würde hier eh nich´ funktionieren, so eine Scheiße aber auch! Dazu sind wir zu idealistisch. Woran glaubt ihr, haben Proudhon und Marx gescheitert? Intelligente Jungs waren´s ja beide, aber sie sind einfach von einem zu idealistischen Menschenbild ausgegangen. Wir können nicht teilen oder anderen Menschen aus reiner Nächstenliebe unseren Döner schenken. Der gute J.C. konnte es. Jesus is dead, and noone gives a toss. Und die paar letzten Altruisten auf unserem tollen Planeten stehen da un d müssen zugucken, wie die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden und dass sich leider niemand mehr über ihre neongrünen Iros und ihre nietenbespickten Lederjacken und ihre „Anarchie statt Deutschland“-Pullis aufregt, und dann schneiden sie sich aus Frust, keine Zuhörer für ihre Anklagen an den Kapitalismus und das System zu finden, zuerst die Arme und dann die Pulsadern auf (was übrigens nicht funktioniert um Dich umzubringen, das Blut fließt viel zu langsam) und werden dann als „psychisch krank“ bezeichnet. Es is´ also krank, sich das Leben nehmen zu wollen, weil die Welt einen so massiv ankotzt? Und sich ein Prada-Kleid für ´n paar Tausend Euro zu kaufen, während da irgendwo in irgendwelchen Dritte Welt-Ländern, von denen noch nie eine Sau gehört hat (Naminia oder Mali zum Beispiel) die Kinder auf der Straße vor Hunger verrecken, während ihre Scheißpräsidenten mit 30 Jahre jüngeren Frauen ficken und dreimal täglich Kaviar und Crystal-Champagner dinieren, ist also normal. Aha. Mann, für mich ist Konsum die einzige wirklich wahre Krankheit. Wir suizidgefährdeten Anarchisten sind die einzigen, die es verstanden haben. Dass das Leben die Mühe, die man da reinsteckt, einfach nich´ wert is. Warum mache ich eigentlich weiter? Ich weiß, dass es nichts bringt, Schulen zu besetzen und von Demo zu Demo zu hüpfen und den Briefkasten der Union mit „Hey eure Kürzungsprogramme sind Müll“-Petitionen vollzuspammen. Warum begebe ich mich dann überhaupt in Gefahr, auf irgendeinem Scheißpolizeirevier zu landen und den Bullen dort vorseiern zu müssen, wie leid mir alles tut?? Bäh. Aus Prinzip. Wegen meines Gewissens, das da wie eine widerliche weiße Made in meiner Stirn umhervegetiert, meine Gehirnwindngen auffrisst, wenn ich nichts unternehme, das Gewissen, welches ständig bohrt und quengelt: „Mach weiter, du musst weitermachen, sonst bist du ein genauso wertloses Stück Scheiße wie der Rest der Welt.“ Wisst ihr, wovon sich Satanismus und Christentum tatsächlich grundsätzlich unterscheiden? Nicht das Hähne opfern und so, das gehört eigentlich gar nicht so richtig dazu. Das haben nur irgendwelche mittelalterlichen Inquisitoren erfunden, um das alles ein bisschen ekliger zu machen. Das ist der gothische Satanismus. Im richtigen Satanismus geht´s hauptsächlich um die Tatsache, dass eben nicht alle Menschen gleich sind (Hitler hat im Grunde genommen das gleiche behauptet, mit Ariern und Nicht-Ariern). Nur dass Crowley, glaube ich (ich hab mir seine Werke nicht durchgelesen, hab mir aber mal satanismus.org angeguckt), nicht von der Rasse, Hautfarbe etc. ausging, sondern... Was für ein Mensch du bist. Hatte er recht? Sind wir unschuldig-zornigen, aufgeklärten Anarcho-Sozialisten mehr wert als irgendeine Bonzen-Keule (ich bediene mich mal dieses doch recht primitiven Ausdruckes...), deren einziges Problem die Miss Sixty-Sonderangebote sind? Stelle ich mich auf dieselbe Stufe wie ein Faschist, wenn ich so denke?? Diese Menschen sind einfach nur fehl geleitet. Sie sind, so hat Proudhon (der, laut Bakunin, eigentlich auch nur ein konfuser Spinner war) auch zu Vervollkommnung fähig. Alle Menschen sind das, selbst die, die den 8. Mai als „Untergang“ deklarieren. Man muss nur Überzeugungsarbeit leisten (kein Wunder, dass bis jetzt alle Revolutionen so blutig abgelaufen sind, Erschießen geht nämlich echt schneller)! Nur leider dauert das so lange. Und die meisten wollen auch gar nicht überzeugt werden. Die halten sich einfach die Ohren zu und schmeißen die Flyer, die ihnen in die Hand gedrückt werden, demonstratriv auf den Grund. Wen wundert´s da noch, dass so viele aus der linken Szene Drogen nehmen oder sich umbringen??? Aber nur dass das mal klar ist: Niemand, kein Mensch, der sich der Revolution verschrieben hat, sollte sterben, bevor er nicht den Boden mit dem Blut des Kapitalismus getränkt hat, im Namen der Sache, für die er steht. Und niemand sollte auch zögern, für die Revolution zu streben. So, und jetzt mach ich mir gegen die Hitze ein kühles Bierchen auf. Prost!