Das Ende von Freundschaft

WARUM?:( Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Kann er gehen? Nein, er soll, er muss gehen. Es ist ein bekanntes Phänomen. So lange der Mensch selbst unten ist, infolge eines Schicksalsschlags, einer Zäsur im Lebenslauf, ist er geneigt, sich anderen Leidensgenossen zuzuwenden. Dann ist er, ob religiös oder nicht, bereit zu geben, zu helfen, zu teilen und aufzurichten. Er schenkt anderen Glück, in welcher Form auch immer. Er wird zum aufrichtigen Freund. In unserer ellenbogenorientierten Leistungsgesellschaft ist solch ein Altruismus leider zur seltenen Ausnahme geworden. Er manifestiert sich in aller Regel nur noch in den beschriebenen Ausnahmesituationen. Dann, irgendwann - Zeit heilt Wunden - beginnt sich das eigene Leid zu relativieren. Es wird alles besser, neuer Job, neuer Lebenspartner, neues Glück. Jetzt ist da aber noch der andere Mensch, dem man in schlechten Zeiten sich voller Mitgefühl und aufrichtig zugewandt hatte. Dem es vielleicht schlechter oder ebenso schlecht erging. Dem es eventuell noch immer nicht gut geht, der leidet, der sich längst ergeben hat und dem die in Not geschlossene Freundschaft zum einzigen, alles bedeutenden Fixpunkt geworden ist. Der nichts höher stellt und der weiterhin alles zu geben, zu teilen bereit ist. Das ist - objektiv gesehen - vielleicht nicht sehr viel, aber für den Betroffenen ist es möglicherweise alles, was er zu geben in der Lage ist. Er verzichtet auf Vieles, stellt eigene Wünsche zurück, um zu geben. Er nimmt keine Rücksicht auf seine eigene fatale Situation oder Gesundheit, wenn er nur den Freunden, die in der Not zu ihm standen, eine Freude machen kann. Aber dieser Freund wird, so gut er es meint, nun langsam lästig. Er stört die neue Harmonie, erinnert an die alten unglücklichen Zeiten. Seine Anwesenheit, seine kleinen Bitten, selbst seine lächerlichen kleinen Gesten und Geschenke werden zur Belastung. Seine manchmal geäußerte ehrliche Meinung (er glaubt, bei besten Freunden darf man das) ist eine Zumutung, eine Anmaßung. Er soll sich nicht in das neue Leben einmischen. Langsam, aber kontinuierlich wandelt sich die Sichtweise. Der Freund aus der Not, der immer zu einem stand, wird im inneren Weltmodell transformiert zu einem - Schmarotzer! Die Positionen werden neu justiert. Natürlich nimmt man dabei nicht die Verschiebung des eigenen Koordinatensystems wahr, sondern die schleichende Neubewertung folgt einem plausiblen Erklärungsmuster: Man hat ihn von Anfang an falsch eingeschätzt, war in der eigenen Ausnahmesituation nicht in der Lage, seinen schlechten Charakter richtig zu erkennen. In Wahrheit ist er doch nur jemand, der sich an einen hängt und einen runterzieht. Seine Eskapaden, die man lange geduldig tolerierte - aus einem Dankbarkeitsbonus - sind nun nicht mehr auszuhalten. Man selbst ist natürlich ohne jeden Fehler in dieser Hinsicht und keineswegs hat man selbst Anlässe provoziert, die ihn dazu trieben. Er hat die Bringschuld, er hat kleinlaut und zerknirscht zu kommen und sich reumütig zu entschuldigen. Dann verzeiht man großmütig - bis zum nächsten Mal (das schon vorprogrammiert ist) - und nimmt ihm so Stück für Stück nicht nur die letzten Reste von Selbstachtung, sondern auch gleich die Hoffnung, das Gefühl, sich weiter an der aufrichtigen festen Freundschaft aufrichten zu können. Immer nur ein Stückchen. Aber verheerend. Das gibt einem selbst weitere Kraft und Selbstvertrauen und ein gutes Gewissen angesichts der eigenen Generosität. Da reicht man dem ewigen Querulanten und Belastungsfaktor immer wieder versöhnlich die Hand, trotz aller Ausbrüche - und zerstört ihn quälend langsam! Aber das wird bewusst nicht wahrgenommen. Bis es zur Katastrophe kommt. Dann wird auch noch das letzte bisschen "Verständnis" verdammt, das man hatte. Der verzweifelte letzte Hilferuf ist nichts als eine weitere, auf die Spitze getriebene, moralische Erpressung. Man hätte ihn viel eher zum Teufel schicken sollen. Selbst post mortem versucht er einem noch Schuldgefühle einzuimpfen. Warum hat man sich überhaupt mit so einer gestörten Persönlichkeit eingelassen? Nein, sowas ist es nicht wert, ihm nachzutrauern. WARUM? Wie kommt es zur Eskalation? Aus Selbstschutz. Sobald sich die eigene Lage normalisiert oder verbessert, die des Leidensgenossen aber nicht im gleichen Maße, wird er zum Klotz am Bein. Er ist die permanente Drohung, die einen wieder in das überwundene Unglück zu ziehen scheint. Anfangs versucht man noch, ihn schnellstmöglich auch nach oben zu ziehen - und projiziert den eigenen Weg maßstabsgetreu auf den anderen. Meist stößt ihn das noch weiter nach unten. Dann beginnt die Phase des Unmuts: Der will sich gar nicht helfen lassen, der gefällt sich in seiner Rolle des Gebeutelten. Trotzdem - er hat immer geholfen und man lässt ihn nicht fallen. Vordergründig. Unbewusst ist er längst abgeschrieben und es beginnen die spontanen Konflikte. Die werden aber nicht von ihm heraufbeschworen - er ist wie immer, vielleicht nur noch verunsicherter und zurückhaltender, vielleicht noch devoter in der panischen Angst den letzten Halt zu verlieren. Es werden immer häufiger Situationen geschaffen, die - in genauer Kenntnis der Reaktionsmuster - kalkulierte Konflikte provozieren. Das eigene Bewusstsein verbietet aber Schuldgefühle. Also wird gleichzeitig im inneren Koordinatensystem der Andere zum alleinig Schuldigen umgedeutet. Nicht die eigene Veränderung und die herabgesetzte Toleranzschwelle sind schuld - der Andere wird immer schlimmer. Es wird verdrängt, dass man ihn früher - in Notzeiten - so annahm wie er war und seine "Eigenwilligkeiten" vielleicht sogar sehr schätzenswert fand, dass man dankbar war, ihn zu haben. Jetzt will man ihn loswerden und da er trotz jeder Demütigung die Freundschaft nicht von sich aus beendete, werden die Anlässe immer häufiger, die Demütigungen immer schlimmer. Aber der Bruch muss von ihm kommen. Der Selbstschutz verbietet es (wegen der noch vorhanden Schuldgefühle), den Anderen fallenzulassen. Schließlich schafft man Situationen, in denen er ungewollt Schaden anrichtet und denen er unweigerlich ausgeliefert ist, falls er den Bruch nicht vollziehen will. Damit wird er seinerseits in Schuldgefühle gedrängt, die stante pede auch als vollkommen berechtigt interpretiert werden und eine weitere Rechtfertigung für die folgenden, noch schlimmeren Eskalationen schaffen. Das Ende ist vorprogrammiert und nicht selten mündet es in das irreversible Finale. Der Mohr geht Darwin lehrt, dass die Schwächsten gesetzmäßig eliminiert werden und sich so die Art immer weiter vervollkommnet und am besten an neue Verhältnisse anpasst. Die Adepten Darwins möchten diese Evolutionsgesetze 1:1 auf die gesellschaftliche Entwicklung übertragen wissen. Sozialdarwinismus ist ein unschönes Wort. Aber im Kern trifft es genau die vorherrschende Meinung und auch das Verhalten. Lügen, betrügen und täuschen. Fressen oder gefressen werden. Das sind heute die sozial akzeptierten Regeln. Wer Schwächen zeigt, wird untergehen. Platz für soziale Ethik oder gar die Essenz des christlichen Neuen Testaments "Liebe deinen Nächsten" ist da nicht. Selbst wenn wir uns inflatorisch darauf berufen - das gehört zum Spiel, zum Arsenal der rhetorischen Argumente, mit denen wir über Schwächere zu triumphieren suchen. Die "barbarische" Zeit ist vorbei. Heute wird (zumindest in den nördlichen Industriestaaten) nicht mehr mit nackter physischer Gewalt agiert. Die tritt uns nur noch in Gestalt des "Staates" als institutionalisierte Anonymität entgegen. Das tägliche Fressen und Gefressenwerden findet entsprechend der neuen Zeit mit Worten und Gesten statt, notfalls eben auch bis zur Hohen Kunst der vokalen Vernichtung durch spitzfindige Juristen. So gesehen ist auch aufgesetzter Altruismus nichts als eine raffinierte Form des Darwinschen Egoismus, wie akademische Schlaumeier immer mal wieder zum Besten geben. Danach ist jede vorgeblich altruistische Handlung nichts als die höchste Form des ausgeklügelten Egoismus. Wer selbstlos handelt, zielt damit auf einen langfristigen und sicheren Vorteil für sich selbst ab. Aha. Aber einen Pferdefuß hat die ganze Sozialdarwinismus-Doktrin, die sich nie so nennen würde, doch. Der Mensch hat sich doch als Krone und Ausnahmeerscheinung über alle Wesen erhoben. Sein herausragendes Merkmal sei die Denkfähigkeit, das Bewusstsein, vor allem aber die komplexe Emotionsfähigkeit und aus beidem die Fähigkeit ein ethisches Wertemodell zu schaffen, das ihn aus den Zwängen der Instinkte und Darwinschen Evolution befreie, nach dem er lebe und handele. Was ist also mit der Ausgangssituation? In solchen Fällen ist der Mensch tatsächlich das im besten Sinne neutestamentarische Geschöpf der gelebten Nächstenliebe. Aber nur dann. Sobald wieder der "Alltag" einzieht, scheint er zurückzufallen in das gewöhnliche Reich Darwins, wo das Überleben der Stärksten Grundgesetz ist. Ist das so? Oder ist das nur der Zwang der leider herrschenden sozialen Doktrin der "freien Marktwirtschaft", in die der Einzelne gedrängt wird? Zumal unter dem Schlagwort der "Globalisierung"? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur: Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan. Und er geht.