Den Terror Nicht So Ernst Nehmen
Vorgestern die Olympischen Spiele, gestern der Terror, heute Alltag. Wie immer konnten sich die 'Sun', die englische Bild und der 'Guardian', sagen wir mal ganz entfernt vergleichbar mit der Süddeutschen, nicht einig werden. Die einen titeln heute "London rocket by blasts", während die anderen mit "Britain's worst ever terror attack" standesgemäß etwas sachlicher daherkommen. Wie wohl die meisten Londoner hab auch ich den heutigen Tag mit beantworten von SMS (texts), anrufen und emails verbracht, nebenbei Informationen durch diverse Medien eingesammelt und ansonst eben Alltag gelebt. Natürlich sorgen sich Familie und Freunde bei 38 Toten und 700 Verletzten. Die betroffen Anschlagsorte sind Verkehrs-Hubs von der Größe eines Hauptbahnhofs einer deutschen Millionenstadt. Schätzungsweise die Hälfte aller 7 Millionen Londoner passiert gelegentlich bis sehr häufig mindestens 2 der Anschlagsorte, nämlich Liverpool Street oder Kings Cross. Einen Tag vor den Anschlägen war ich um 9 Uhr morgens selber in der LivStreet tube station. Ich komme dort alle paar Tage oder öfter vorbei. Aber heh, let's be honest, die U-Bahnen kommen und gehen dort im 90 Sekunden-Takt, London hat gut über 7 Millionen Einwohner. Genau da hinein zu geraten ist nicht gerade wahrscheinlich. Und trotzdem hört man hier und da, dass Hinz oder Kunz jemanden kennt, der da rein geraten ist. Nun zum Wesentlichen. Viele sind gestern, am Tag der Anschläge einkaufen gegangen, (wenn irgendwie möglich) zur Arbeit gegangen oder sind sonst einer alltäglichen Tätigkeit nachgegangen. Heute wird’s überall in den deutschen Medien angesprochen: Alle bleiben britisch gelassen und vor allem COOL. "Cool Britannia" fasst es dann auch 'Spiegel online' in seiner Analyse zusammen. Es war zu gestern im TV zu sehen wie Broker mit blutverschmierten Gesichtern schon wieder Anrufe tätigten, ganz als ob sie gerade auf dem Börsen-Parkett ständen. Aber alle waren so gelassen. Alle haben ja schon seit Jahren damit gerechnet und sind durch die scharfen Sicherheitsvorkehrungen und die IRA Bomben der 70er und 80er Jahre an Terror gewöhnt. Um 13:00Uhr war ich gestern in meinem lokalen, durchaus belebten Supermarkt, gerade mal 3 Kilometer weg von den Anschlägen, in Bilderbuch-Sichtweite der City-Skyscraper, alles cool. Gestern Abend dann galt es in bei 'Angel', unweit der Londoner City, in einem pub einen Geburtstag zu feiern. Klar war es voll dort, wie immer an einem Donnerstag. Klar wurde kurz über die Anschläge gesprochen, aber eben auch nur kurz. Niemand wollte sich die Laune von Terroristen verderben lassen. Die aktuelle Stimmung der ganzen Stadt drückt die ewig optimistische und bisweilen gleichgültigen Grundeinstellung vieler Engländer aus. Hier wird nicht gejammert, es findet „business as usual“ statt. Und den guten Humor hat man auch nicht verloren. Gestern Nachmittag hab ich auf eine der vielen „Are-you-o.k.?-sms“ von einem guten englischen Freund geantwortet, dass alles natürlich sehr traurig ist und ich glaube, dass es die Franzosen waren, haha. Wegen der Vergabe der Olympischen Spielen an London, die ja am Vortag stattfand. Der Freund fand das saulustig und hat dann deshalb gleich noch 15 Franzosen-Witze obendrauf gelegt. [Die Franzosen sind ja in Großbritannien, ähnlich wie wir Deutschen, allerdings aus ganz anderen Gründen (das würde hier jetzt zu weit führen) nicht gerade beliebt.] Das alles geschah wohlgemerkt am Tag der Anschläge. Bleibt noch nachzutragen, dass gestern Abend die Busse alle wieder gefahren sind und viele Leute diese auch wieder benutzten. Bemerkenswerter Weise konnten alle kostenlos fahren. Nur eine von vielen Trotzreaktionen. Und heute? Auch wenn es in der City ein kleines bisschen leerer als an „normalen“ Freitagen ist, gehen alle wieder Ihren alltäglichen Geschäften nach. Eine spontane Massendemonstration gegen den Terror wie in Madrid letztes Jahr am Tag nach den Anschlägen, ist quasi undenkbar. Das stolze britische Selbstverständnis würde es gar nicht erlauben, den Terroristen soviel Aufmerksamkeit zu schenken. Natürlich wird mit Blumen und Reden Solidarität mit den Opfern und deren Familien bekundet, aber unter keinen Umständen möchte man den Terroristen zeigen, dass man emotional betroffen ist, Wut oder gar Angst empfindet. Stattdessen ignoriert man sie einfach und widmet sich wieder dem eigenen Leben. Das muss die verantwortlichen Terroristen wahrscheinlich wahnsinnig ärgern. Da will man Angst und Schrecken verbreiten und wird nicht mal ernst genommen. Etwas nicht ernst zu nehmen scheint ein britisches Erfolgsrezept zu sein. Oder meinen Sie etwa, dass man im stolzen und wohlhabenden London den Euro ernst nehmen würde, oder etwa die Franzosen, oder gar uns Deutsche? Na ja, dann glauben sie das mal schön.