Der Medizinmann
Ich dachte, mit dem Alter käme die Weisheit. Aber wenn ich ehrlich bin, kann ich am heutigen Tage auf keine der Fragen, auf keine der Situationen mehr einen hilfreichen Ratschlag finden. Vielleicht kommt das daher, dass ich meine Moralvorstellung früher aus Mädchenbüchern und aus Liebesfilmen abgeleitet habe, in denen immer alles gut ausgeht. Gewisse Dingen schienen mir immer klar zu sein: nach einer Trennung brauch man Abstand, Zeit heilt alle Wunden und Alkohol tötet Gehirnzellen und gehört damit verboten. Aber irgendwo endet die Moral und irgendwo kann man nichts mehr verdammen, was man für sich selbst als richtig empfunden hat. Die Frage, die ich mir immer häufiger stelle, ist: Kann der Verstand entscheiden, was für das Gefühl richtig ist? Und ist man schon ein Moralapostel, wenn man nicht seinen eigenen Ratschlag nicht befolgt?Das ganze System, dass die Welt in gut und böse unterteilt, in richtig und falsch, in dunkel und hell, hinkt! Alles was noch existiert sind Prioritäten, deren Grenzen man selbst oft nicht mehr ertasten kann. Und selbst, wenn man von sich weiß, was man will, gibt es da immer noch eine andere Seite, eine Stimme, die dir sagt, dass das, was du tun wirst, jemandem schadet und jemanden verletzt. Was tun, wenn die Stimme nicht von der Person stammt, die du verletzt, sondern vom System? Von den Liebesfilmmoralvorstellungen?Wie weit kann man denken? Muss ich den Schmetterlingsschlag in meine Entscheidung mit einbeziehen, der den Orkan auslösen kann? Und: Kann ich das? Oder ist die Welt einfach nur ein Haufen Zufälle, in der es keine Vorbestimmung gibt. In der jeder Mensch eine eigene Gefühlswelt hat, deren Abgründe man nicht nachvollziehen kann?Und: Soll man das Pflaster langsam oder in einem Ruck abziehen? Wenn ich so darüber nach denke kann ich nur einen Rat geben: Wenn ihr eine Allergie gegen Erdbeeren habt - esst keine Erdbeertorte!