Die grüne Hölle und der ganz normale Wahnsinn

Es sah lange Zeit so aus, als würde es erneut das Rennen des Kimi Räikkönen werden, doch in der letzten Runde passierte das, was Fernando Alonso letzte Woche in Monaco zwei Plätze gekostet hat: Der Reifenverschleiß schlug zu, diesmal allerdings in einer wesentlich heftigeren Form: Weil der Reifen schon so platt war, daß er eierte, nahm die Radaufhängung so großen Schaden, daß sie beim Anbremsen am Ende der Start-Ziel-Geraden in der letzten Runde brach. Kimi Räikkönen flog in der Einfahrt zur Mercedes-Benz-Arena spektakulär von der Strecke, daß er Jenson Button auf BAR-Honda nicht auch noch mitgenommen hat, ist nur durch ziemlich großes Glück zu erklären. Genauso war es ein Glücksfall, daß umherfliegende Reifenteile nicht wie ein Frisbee ins Publikum geflogen sind. Überhaupt erleben wir in der Formel 1 derzeit eine paradoxe Situation: Auf der einen Seite haben die Sicherheitsmaßnahmen in der Amtszeit Max Mosleys seit dem 1. Mai 1994 groteske Formen angenommen, man verbietet im Kostensparwahn die Reifenwechsel, erlaubt aber auf der anderen Seite das Nachtanken während des Rennens. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendwann ein Reifen an einer Stelle explodiert, an der es keine großzügigen Auslaufzonen gibt, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich das Tankdrama aus Hockenheim 1994, als Jos Verstappens Benetton-Ford für einen spektakulären Brand in der Boxengasse sorgte, wiederholt. Es wäre daher als Sofortmaßnahme angebracht, den regulären Reifenwechsel während des Rennens sofort wieder zu erlauben. Zumal es ja einer Wettbewerbsverzerrung im höchsten Maße gleichkommt, wenn jeder gegen Rennende Angst haben muß, daß am Reifen etwas passiert. Alonso verlor in Monaco zwei Plätze, Räikkönen auf dem Nürburgring den Sieg, was ist denn, wenn so etwas in der Endphase der Weltmeisterschaft passiert, wenn WM-Titel nach dem letzten Quentchen Glück, ob der Reifen nun vier Kilometer länger oder kürzer hält, entschieden wird? Ist die Formel 1 wirklich eine Lotterie? Sie macht sich in jedem Fall sicherheitstechnisch und sportlich in höchsten Maße unglaubwürdig. Die spektakuläre letzte Runde überschattete dabei ein Rennen, das einmal mehr gezeigt hat, wer die Hosen anhat: Neben Fernando Alonso und Kimi Räikkönen, neben Renault und McLaren-Mercedes, scheint sich nun Williams-BMW an die Spitze zu fahren, eine Ehe, die ja von vielen schon kaputtgeschrieben wird, BMW wird mit Sauber in Verbindung gebracht und Williams mit Toyotamotoren, die evtl. unter dem Label der Marke Lexus laufen könnten. Doch die sportliche Realität sieht anders aus: Während Sauber, derzeit noch das Ferrari-B-Team, das 2006 und 2007 Red Bull Racing sein wird, im Mittelfeld rumdümpelt, gehört Williams-BMW inzwischen mindestens zum erweiterten Favoritenkreis. Es wäre äußerst unklug von BMW, jetzt das Team zu verlassen. Peter Sauber bestätigte am Rande des Grand Prix zwar, daß es Verhandlungen mit BMW gibt, allerdings machte er keine Angaben darüber, in welcher Form eine Partnerschaft stattfinden könnte. Die Zukunft wird zeigen, wohin die Münchner wollen. Daß Fernando Alonso jetzt 32 Punkte Vorsprung hat, ist vielleicht noch nicht zwingend als "Vorentscheidung" in der Weltmeisterschaft anzusehen, insbesondere vor dem Hintergrund, daß noch zwölf von 19 Rennen zu fahren sind, doch es wird immer schwieriger werden, ihm den WM-Titel doch noch zu nehmen. Sicherlich ist Kimi Räikkönen im Moment schneller, wenn nichts außergewöhnliches passiert, kann Alonso problemlos auf Platz 2 fahren, das wären dann jeweils zwei Punkte, doch was heißt das schon? Das Pech bei Renault hat sich bislang auf Giancarlo Fisichella konzentriert, während Kimi Räikkönen bislang nicht vom Glück verfolgt war. Man muß also sehen, was passiert. Ich persönlich würde in der momentanen Situation allerdings auf einen Weltmeister Fernando Alonso setzen. Vielleicht werden Sie sich jetzt fragen, wieso eigentlich nicht über Ferrari gesprochen wurde, das frage ich mich auch gerade. Ferrari ist im Moment kein Topteam, auch wenn sie es im Rennen temporär schaffen, gute Rundenzeiten zu fahren, auch wenn Michael Schumacher in Imola mit seinem zweiten Platz ein Highlight setzen konnte. Vielleicht schafft es die Mannschaft aus Maranello noch, in diesem Jahr das eine oder andere Rennen zu gewinnen, vielleicht schaffen sie es nicht. Die Weltmeisterschaft wird allerdings von anderen ausgefochten, es hat eine natürliche Wachablösung stattgefunden. Und es war sehr wichtig, daß Michael Schumacher seine Karriere nicht beendet hat, denn dann wäre der Weltmeistertitel 2005 nicht viel wert gewesen. Es ist gut, daß Michael Schumacher auf der Strecke entthront wird.