Elf Tage im Leben des alten S.
Es fing so harmlos an... Ich wurde den Hustenreiz nicht los. Immer häufiger reizte er mich zu Anfällen. Auch nachts. Das ist kein Erkältungshusten, sagte ich mir und ließ mir einen Termin beim Hausarzt geben. Gleichzeitig holte ich mir ein Bronchikum aus der Apotheke. Wider Erwarten war ich schon nach kurzer Zeit und mit Hilfe der pharmazeutischen Industrie diesen unangenehmen Husten los. Nun saß ich da mit meinem Arzttermin und hätte ihn nicht mehr nötig gehabt. Termin ist Termin. Ich ging also hin und sagte: „Checken Sie mich einmal durch!“ Ich hatte schon Ewigkeiten keinen Arzt mehr aufgesucht und wollte nun bestätigt haben, dass ich gesund bin. Das war ich dann auch. Blutdruck, Blutwerte, EKG – alles in Ordnung. Mit dieser guten Information wollte ich gerade den Arzt wieder für einige Jahre verlassen, da fiel mir ein, dass ich auf der Nase seit Monaten eine kleine Kruste habe, die, immer wenn ich sie wegkratze, eine neue bildet, aber keine Haut – etwas winzig Kleines. In meinem laienhaften Verstand dachte ich, irgendeine Salbe wird es geben, die die Substanz der Haut verstärkt und bat um Verschreibung einer solchen. „Da gehen sie besser zum Hautarzt“, empfahl mir mein Doktor und schrieb eine Überweisung. Der Hautarzt sprach von Basaliom und schnitt ihn oder es heraus. Da ich noch einen Pickel in meinem Rücken wusste, ließ ich den auch gleich herausschneiden. Dem Umstand, dass das Wartezimmer des Hautarztes weitgehendst von Menschen befreit war, schrieb ich zu, dass er mich alle drei Tage zum Nachsehen bestellte. Nach zwei Wochen eröffnete er mir, dass sich in meiner Nasenhaut ein bösartiger Tumor gebildet habe, der in der plastisch-chirurgischen Abteilung des Krankenhauses entfernt werden muss. Erfahren hatte er das von einem chemisch-technischem Labor, wohin er meine Hautfetzen eingeschickt hatte. Mit Über- und Einweisung verließ ich ihn. „Nehmen Sie Herztabletten?“ fragte mich die Empfangsschwester in der Ambulanz der Plastisch-Chirurgischen Abteilung. Melitta hatte die Beipackzettel eingepackt und die Einnahmezyklen fein säuberlich aufgeschrieben. Ich reichte sie ihr. „Vorbildlich“, sagte sie und übertrug die Angaben auf ein Formular, mit dem ich nun in das Behandlungszimmer gebeten wurde. Der blutjunge Schönheitschirurg – Dr. Krüger hatte er sich mir vorgestellt, Assistenzarzt las ich auf der Spange an seinem weißen Kittel - warf einen langen Blick auf meine wohlgeformte Nase, blickte kurz auf den Befund des Hautarz-tes und sagte: „Das wird eine größere Sache.“ Dann fotografierte er meinen Riecher von vorne und von beiden Seiten. „Wir müssen zweimal operieren“ sagte er noch und zeigte mit den Fingern an seiner Nase, wie diese Schnitte erfolgen würden. Ich dachte, wenn der Gute so schneidet, wie er es mir gezeigt hat, bleibt von meiner Nase nicht mehr viel. Aber wat mut, dat mut und mein Vertrauen in die ärztliche Kunst ist fast grenzenlos. Eine hübsche Dame, Frau Dr. Schaarschmidt, ist die Chefchirurgin dieser Abteilung. Was sagte Alice Schwarzer: „Frauen, die Karriere machen, müssen mehr können als Männer.“ Nun ja. Sie erschien kurz – die Chefchirurgin -, gab mir flüchtig die Hand, sah mit einem gewinnenden Lächeln auf meinen Nasenrücken und sagte: „Da haben Sie sich aber was Ordentliches gezüchtet.“ Ich wusste nicht wie ich diesen Scherz parieren sollte und schwieg. Frau Doktor verschwand wieder. Nehmen Sie Herztabletten?“ fragte mich nun auch der Operateur. Ich wiederholte, was ich der Dame hinter der Rezeption auch schon gesagt hatte. „Nehmen Sie auch Aspirin?“ „Aspirin verträgt mein Magen nicht, statt dessen nehme ich Rocornal.“ Der Arzt las sich den Beipackzettel durch. „Das ist kein sehr häufig genommenes Medikament.“ Er sagte es, als wolle er sich dafür entschuldigen, dass er nicht alle Fabrikate der Pharmazie im Kopf habe. Später rief er mich zuhause an und bat mich die Rocornal-Kapseln schon mal bis nach den Operationen abzusetzen. Das war Freitags. Am Montag zog ich auf ein Zimmer in der dritten Etage des Elisabeth-Krankenhauses Oberhausens, das heißt, ich meldete mich am Eingangsbüro an, um anschließend mit einem weiteren Formular die Station aufzusuchen, nachdem ich einen Behandlungsvertrag und den Hinweis auf Haftungsausschluss für Wertsachen unterschrieben hatte. „Setzen Sie sich dort an dem Tisch im Flur vor dem Fenster. Wir sagen Ihnen Bescheid“, sagte die Stationsschwester. Das Bett war noch nicht frei. Überall sah ich laufende Beine und emsige Hände. Ich blickte durch das Fenster auf die Straße und die gegenüberliegende Häuserfassade. Kinderlärm drang herauf. Im Zeitalter unserer überalternden Gesellschaft wird der auch immer seltener. Kurze Zeit später kam die Schwester mit weiteren Formularen an den Flurtisch und kreuzte an, was ich schon unten im Büro angegeben hatte. Zum Schluss fragte auch sie: „Nehmen Sie Herztabletten?“ Geduldig wiederholte ich, was ich schon zweimal von mir gegeben hatte. „Müssen wir jetzt Ihre Medikamente bestellen oder haben Sie sie von daheim mitgebracht?“ „Ich habe meine Medikamente dabei“, sagte ich. „Sie können auf Ihr Zimmer. Das Mittagessen ist schon da.“ Melitta räumte meine Kleidung in den schmalen Schrank des Dreibettzimmers. Ich stellte mich den beiden Bettnachbarn, in deren Mitte meine Gesundheitsliege - oder sagt man Krankenhausbett - stand, vor Der Greis zu meiner Rechten sah nicht älter aus als ich, war aber achtzig und hatte auch ein Basaliom an der Nase. Er saß an dem kleinen Tisch und löffelte seine Suppe. Ich setzte mich zu ihm und sagte: „Offenbar sind wir Leidensgenossen.“ Das wollte er nicht so recht einsehen, denn sein Leiden sei ernsthafter Natur. Der andere Bettnachbar war nur noch Haut und Knochen. Ich blickte in geschlossene Augen, die in tiefen Höhlen lagen. Der offene Mund betonte die total eingefallenen Wangen. Der ist bestimmt nicht weit von den Hundert entfernt, dachte ich. Der Anästhesist trat auf den Plan. Für ihn musste ich ein weiteres Formular ausfüllen, aus dem dann meine medizinische Vergangenheit hervorging. Prüfend blickte mich der Fachmann an und sagte: „Sie sind fit!?“ Ich wiederholte: „Ich bin fit.“ Dann versicherte er mir, dass ich sofort nach der Narkose wieder aufwachen würde. Meinen Dank konnte er aus meinen Augen ablesen. Auch sein Formular unterschrieb ich widerspruchslos. „Bleiben Sie nüchtern morgen früh. Sie bekommen vor der Narkose noch eine Beruhigungstablette.“ „Okay!“ Die Schwestern der Station betraten das Zimmer und der Besuch, der nur aus Melitta bestand, musste raus. Erst jetzt nahm ich wahr, dass der Hundertjährige ein Spezialbett hatte, dass mit allerlei Manometern eingestellt worden war und ständig rauschte. „Sind sie empfindlich?“ fragte mich der alte Mann und seine Stimme klang seltsam jung. Ich verneinte und sah kurz darauf einen Körper, der völlig zerfressen schien. Er war nicht mehr in der Lage sich aus eigener Kraft herum zu drehen. Die Pampers um seinen Unterkörper wiesen auf Inkontinenz und der Urin wurde über einen Katheder in eine Flasche, die seitlich am Bett befestigt war, abgeleitet. Meine Güte, muss dieser Mann leiden, dachte ich. Die Schwestern scherzten und reinigten ihn. Der Kranke bedankte sich als sie das Zimmer wieder verließen. „Die sind hier alle sehr freundlich“, sagte er zu mir. Er sah, wie ich auf den Rollstuhl blickte und sagte: „Ich bin querschnittsgelähmt.“ Ich hätte mich nicht getraut, Fragen zu stellen, doch er befrie-digte auch so meine Neugierde. „Ich bin erst fünfundfünfzig und lebe von einem halben Jahr zum nächsten. Sehr alt werde ich nicht mehr.“ Wenn du so viel Elend siehst, relativiert sich alles. Ich lernte noch am gleichen Tag seine kleine agile und zupackende Frau kennen, die ihn in den Rollstuhl hob und mit ihm den Park aufsuchte. Ein junger Mann trat ins Zimmer und versuchte mir Blut abzuzapfen. Bei seiner Vorsicht und Zaghaftigkeit sträubten sich meine ohnehin schlecht zu findenden Venen. Ständig entschuldigte er sich, obwohl ich freundlich blieb. Mit nur zum Teil gefüllten Ampullen verließ er mich wieder. „Herr Strohschein, Sie müssen zum EKG.“ Die Geräte-Schwester fühlte auch gleich meinen Puls. Kaum hatte ich dieses Procedere hinter mir, schickte man mich in den Keller zum Lunge röntgen. „Legen Sie die Brust an die Platte. Nicht so – so!“ Die Platte war kalt. „Tief einatmen! Luft anhalten! Fertig!“ Trotz des Aufzuges lief ich die Treppen hoch. Wie soll ich sonst abends in den Schlaf kommen? Im Zimmer nahm ich mir Safranskis Schillerbiographie aus der großen Tasche und setzte mich an das Tischchen, um zu lesen. Seit Monaten quäle ich mich durch dieses Buch, dass ein Philosoph geschrieben hat und bei dem ich manchmal nicht weiß, will er dem Leser die Kantsche „Kritik der reinen Vernunft“ näher bringen, den Einfluss der Philosophen auf das Schillersche Denken oder habe ich eine falsche Auffassung des Literaturgenres Biographie. Außer gedacht und geschrieben hat der Schiller nach Safranski nur nebenbei geliebt, geheiratet und Kinder gezeugt. Aber immerhin habe ich das Buch nicht aus der Hand gelegt. „Herr Strohschein, sie sollen zum Röntgen nach unten kommen!“ „Da war ich doch schon!“ „Sie sollen noch einmal geröntgt werden.“ „Nanu!?“ Diesmal fuhr ich mit dem Aufzug runter. „Einen Augenblick“, sagte die Röntgenologin und machte mir die Tür zum Bestrahlungsraum vor der Nase zu. Auf einem Stuhl sah ich ein Buch liegen. Ich wollte einen Blick hinein werfen und stellte einmal mehr fest, dass ich ohne Brille hilflos bin. Die Assistentin öffnete die Tür und ich fragte: „Ist die erste Aufnahme nichts geworden oder hat der Arzt Auffälliges auf meiner Lunge entdeckt?“ „Nein, nein. Machen Sie sich keine Sorgen. Es kommt häufiger vor, dass der Arzt noch eine Aufnahme nachverlangt. Diesmal von der Seite.“ Sie stellte mich zurecht. Ich holte wieder tief Luft und hielt sie dann an. „Fertig! Warten Sie einen Augenblick, ich entwickel das Bild und Sie können es gleich mit hoch nehmen.“ Mir sagte die Röntgenaufnahme nichts, die ich auf der Station weisungsgemäß abgab. Auf dem Zimmer klingelte das Telefon. An jedem Bett steht eins auf einer beweglichen Ablage. Meins konnte es nicht sein, denn ich hatte es nicht angemeldet. Bei mir besteht kein Bedürfnis zum Telefonieren. Zwar habe ich auch ein Handy, aber ich benutze es ganz selten. Ich weiß, dass Krankenhausbesuchern der Weg zum Krankenbett Überwindung kostet, deswegen will ich auch keinen Besuch – außer Melitta. In Krankenhauszimmern sind ohnehin immer zu wenig Stühle. Es war der Apparat des Todkranken, dessen sonore Stimme im auffallenden Kontrast zu seinem Körper steht. Nach einem kurzen Gespräch legte er den Hörer wieder auf. „Weshalb sind Sie jetzt hier?“ fragte ich ihn. „Ich mache eine Schmerztherapie“, sagte er mir. Mitten auf der Wand, gegenüber den Betten, ist die Konsole mit dem Fernseher in Schräglage angebracht. Das elektronische Bild lenkte meinen Blick auf sich. Den dazugehörigen Ton empfängt man über einen Kopfhörer. Es sah aus wie ein Handy, was in einer Halterung an der Ablage des Telefons hing. An ihm waren Knöpfe. Einer für das Einschalten der Neon-Beleuchtung über dem Bett und weitere Accessoires, mit denen ich nichts anzufangen wusste. Zunächst glaubte ich, dass dieses Handy, an dem auch der Kopfhörer hing, zur Bedienung des Fernsehers sei Ich setzte mich wieder ans Tischchen und notierte in ein Ta-schenbuch den Tagesablauf. Lieber hätte ich die Ereignisse auf meinem Laptop gespeichert, aber elektronische Geräte sind im Krankenhaus nicht gestattet - hatte ich in der Hausordnung gelesen. Bei der Anmeldung wurde mir ein Mappe ausgehändigt, in der ich alle Informationen, Ge- und Verbote nachlesen konnte. Ein schwarzhaariger, südländisch wirkender Pfleger brachte dem Achtzigjährigen und mir je ein OP-Hemd, eine auf alle Größen ausziehbare grobgestrickte kleine Netzunterhose und ein paar Trombosestrümpfe. „Das müssen Sie morgen früh anziehen.“ Und noch einmal die Ermahnung: „Bleiben Sie nüchtern.“ Inzwischen war es 18.00 Uhr geworden. Die Zimmertür öffnete sich und das Abendessen wurde herein gefahren, zwei Brotschnitten, Wurst Käse und Früchtetee. Das ist etwa das Gleiche wie daheim auch, auch die gleiche Zeit. Irgendwann hat mir mal ein Arzt erzählt, dass das frühe Abendessen der Gewichtszunahme entgegen steht. Ein schöner Irrtum, wie ich mittlerweile weiß. Nach dem Essen putzte ich mir die Zähne und machte mich krankenhausfertig, ich zog den Schlafanzug an, den Kopfhörer über die Ohren und streckte mich im Bett. „Welches Programm wollen wir denn gemeinsam gucken?“ fragte ich meine beiden Bettnachbarn. „Ich sehe am liebsten Krimis“, erwiderte der Todkranke. „Mir ist das Fernsehen völlig wurscht“, sagte der Achtzigjährige. Der Todkranke hatte den Krimisender schon drauf. „Lesen Sie lieber?“ wandte ich mich an den Ältesten unserer kleinen Gemeinschaft. „Früher habe ich viel gelesen. Heute kaum noch.“ „Ich bin das Lesen nie leid geworden.“ „Ach wissen Sie, seit meine Frau das Haus nicht mehr verlässt, nimmt mich der Haushalt sehr in Anspruch.“ „Ist Ihre Frau sehr krank?“ „Vor einem halben Jahr kam sie ins Krankenhaus, seitdem ist nichts mehr mit ihr los.“ Diese Auskunft war breit interpretier-bar. Unkonzentriert blickte ich auf den Bildschirm. Draußen wurde es dunkel. Im Zimmer brannte das große Licht und die Neonröhre über dem Bett des unheilbar kranken Mannes. Ich streifte den Kopfhörer ab, stand auf und schaltete am Licht-schalter neben der Tür, die Bodenleuchte ging an, das große Licht aus. Der Achtzigjährige begann zu schnarchen. Es war kein unangenehmes sägen, dieses Geräusch würde mich am Einschlafen nicht hindern, wenn ich es denn kann.