Erinnertes Vergessen
Neulich saß ich im Bus und entsann mich, dass ich vergesse, regelmäßig und vieles. Und doch kann ich einiges, was in der Versenkung meiner Vergangenheit verschwand, auch wieder hervorholen. Es ist eigentlich absurd. Die menschliche Erinnerung ist zu vage, um nicht der Vergessenheit anheim zu fallen. Es ist komisch, während ich Lichtreflexe wahrnehme und mich bruchstückhaft dessen entsinne, dessen ich einst so habhaft war... meines Lebens. Nun, nicht etwa mein jetziges Leben, eher das was einst war, was und wer ich einst war. Und dann fährt der Bus eine weitere Kurve und ein Lichtreflex führt mir mein Gesicht vor Augen. Ich bin so jung und die Scheibe zeigt mich so alt. Man schätzt mich gemeinhin jünger und ich versuche es als Kompliment anzusehen. Mein Weg beschreibt Haken, um meine Vergangenheit abzuschütteln und doch hängt sie an einem Seil an mir. Es ist gut zu wissen, dass mich meine Vergangenheit geprägt hat und das wohl auch immer tun wird. Genauso wie eines Tages das Jetzt mich prägen wird. Ich kann nicht anders als zu Lächeln. Ich muss vergessen, um mich erinnern zu können, dieses Seil entlangfahren und mir all die Erinnerungen einzufangen, die mal wichtig waren. Meine Oma, meine damaligen Freunde, das, was mich das Leben manchmal kläglich schmerzhaft zu lehren versuchte und schließlich das, was ich mich selbst gelehrt habe. Wäre ich noch der Mensch, wenn dieses Seil fehlen würde? Wäre ich ohne die Möglichkeit, meine Erinnerungen an mich heranzuziehen, noch ich? Nein, ich hätte mich selbst verloren. Aber nur was man verliert, kann man auch wiederfinden. Das ist das, was mir Trost spendet. Wenn ich mir verloren vorkomme und in die Dunkelheit sehe und erkenne, dass ich irgendwann mal erkannt habe, wer ich bin. Ich bin Soren oder auch Martin, was euch gerade passt ;)