Ferne Liebe, naher Tod
Die neuen Erzählungen des Schweizer Schriftstellers Peter Stamm erinnern an sein letztes Romanthema: Liebessehnsucht und Todesfurcht bestimmen viele der Geschichten. Kindergärtnerin Daphne verstört das unangenehme nächtliche „Knarren“ in der Wohnung über ihr. „Angst habe ich eigentlich nie. Das muss man lernen als alleinstehende Frau.“ Dennoch hat sie ein mulmiges Gefühl, als sie klingelt und plötzlich einem viel jüngeren Mann gegenüber steht. Er bittet sie spontan und gut gelaunt in sein Zimmer, plaudert unbefangen mit ihr. Daphne ist völlig überwältigt: „Ich bin es nicht gewohnt, dass jemand sich für mich interessiert“ - und damit ihr Leben entscheidend verändert. Wie belastend sich „Der Befund“ bereits als Vermutung (Melanom?) auf die Ehe eines Portiers auswirkt, das schildert der Autor eindringlich; beklemmender noch „Die Verletzung“. Luzias schäbige Ausnutzung treibt den noch hoffenden Lehrer, „eine jämmerliche liebeskranke Figur“, in den Zerstörungswahnsinn. Bewundernswert der Mut von Heidi, einer talentierten Zeichnerin, aus ihrem tristen Kanzleialltag auszubrechen. In Wien möchte sie sich an der Akademie der Künste bewerben, doch endet die Reise bereits in Innsbruck, wo sie ihren Mann Rainer kennen lernt. Er und ihr Vater bespötteln ihre Begabung, doch lässt sie sich nicht beirren und findet in der Kunst ihr kleines Glück. Die Geschichten von Peter Stamm zeichnet eine klare, schöne Sprache aus. Wenn auch nicht alle überzeugen, am wenigsten jene, die dem Buch den Titel gab, bleibt der Autor dennoch ein herausragender Erzähler. Peter Stamm: Wir fliegen. Erzählungen. Frankfurt: S. Fischer Verlag 2008. 175 Seiten, 17,90 Euro