Kolumbien intim – Ein Besuch im Kongress
Bitte recht freundlich - Wache vor dem Kongress "Willkommen im Zirkus", sagt Hernando León Vanegas. Hernando ist 1,60 Meter groß, trägt zum Nadelstreifen Kassengestell und hat das überbordende Selbstbewusstsein eines kolumbianischen Kongressberichterstatters. Der Kongress ist ein Sandsteinklotz aus den 30er Jahren. Durch den Haupteingang an der Plaza Bolívar kann ihn niemand betreten, denn davor protestieren täglich wechselnde Gruppen. Heute sind es die Familien der rund 4000 Entführten, die mit Sprechchören und Bannern einen Austausch ihrer Angehörigen gegen Gefangene der Guerilla verlangen. Also stehlen sich Abgeordnete und Journalisten über den Hintereingang ins Parlament. Über eine Prachttreppe durch einen Säulen-Korridor erreichen wir den Saal für Journalisten. Besser: Die Abstellkammer. Drei gelangweilte Kongressbeobachter verfolgen das Spiel USA-Deutschland, es steht 0:0. Alternativprogramm im Senat: Die Debatte über die Rentenreform. Jorge Enrique will Abgeordneten Regierungskritisches entlocken, also schmuggeln wir uns in die Cámara, das Unterhaus. Journalisten ist der Eintritt verboten, wie uns die Türsteherin mit schnarrender Stimme verkündet. Sie hat mehr Haare auf den Zähnen als der vergoldete Löwe an der Tür auf dem Haupt. Doch Jorge Enrique hat eine Geheimwaffe: Kolumbianischen Charme. Nur wenige maßlose Komplimente genügen, und die Referentin eines Abgeordneten gibt uns als "internationale Praktikanten" aus. In meinem Fall ist das schließlich nicht wirklich gelogen. Die Türcerbera fletscht die Zähne, lässt uns aber passieren. Qué susto! An der Rückwand des Kuppelsaals sind Panzer und Kampfflugzeuge auf blutrotem Grund abgebildet. Beim näheren Hinsehen entpuppen sich die Panzer als Andenzüge und die Kampfflieger als Geier und fliegende Fische. Titel der stilvollen Kreation: "Cordilleras y Oceanos". Wer Bundestag, House of Commons oder Assemblée Nationale erwartet hat, ist verwirrt. Im Saal herrscht das reine Chaos. Parlamentarier rennen aufgeregt durch den Saal und gestikulieren wild mit Handy am Ohr. Vorne hat sich ein Bärtiger aufgebaut und beschimpft einen Jüngeren, der gerade zauderhaft einen Redebeitrag über Mikofon versucht. Ein Vertreter der Indígenas mit Sombrero und Poncho schläft auf einem der im Saal verstreuten braunen Ledersessel. Links tauschen die Abgeordneten der Afro-Kolumbianer, Ex-Fußballstar Wellington Ortíz und die Olympia-Erste im Gewichtheben, María Isabel Urrutia, genervte Blicke. Urrutia lässt beiläufig ihre beeindruckenden Beinmuskeln unter dem weißen Minikleid spielen. Wer Regierung und wer Opposition ist, ist nicht zu erkennen. Sitzordnung? Fehlanzeige. "Es ist ein Wahnsinn", sagt Hernando und verdreht gespielt die Augen. Erholung suchen wir im Salón de Apoyo. Keine Erste-Hilfe-Kammer, sondern die Lounge gewordene Denkpause für den gestressten Abgeordneten. Auf gediegenen Samtsofas ergehen sich Presse und Parlament in inniger Verschlingung. Wo hören Diktaphone auf, wo fangen Abgeordnetenmünder an? Eilig strömen die Senatoren aus dem angrenzenden Saal der Kaffeebar entgegen, die Langeweile über die Pensionsdebatte aus dem Gesicht streifend. "Der da hinten wird von der Drogenmafia bezahlt, sagen böse Zungen", erzählt Jorge Enrique und weist auf einen Afro-Kolumbianer, der auch Preisringer im Superschwergewicht sein könnte. "Und der ist angeblich der beste Freund der Paramilitärs", bedenkt er einen Eleganten mit Adlernase. Hernando ist mit seinen ganzen 1,60 Metern damit beschäftigt, eine blondierte, hochstöckelnde Senatorin zu beäugen, die ihren Schönheitschirurgen sehr glücklich gemacht hat. Frauen sind im Kongress Mangelware. Im Unterhaus sind es von 166 gerade mal zwölf. "Oder 13? Genau weiß das hier keiner, Hauptsache wir bekommen überhaupt was zu sehen", sagt Hernando und drückt mir den Arm. Währenddessen strömt ein merkwürdiger Geruch durch den Saal. Ist das nicht - Marihuana? "Das kommt dir nur so vor", sagt Jorge Enrique und zwinkert. Auffällig die große Zahl derer, die am Stock gehen. Ein kleiner Drahtiger zeigt stolz seinen Gipsfuß: Auf ihn wurde letzte Woche ein Attentat verübt. Politischer Erfolg: Er lebt! Auch der Kandidat der Linkspartei Pólo Democrático, Antonio Navarro, hinkt aus dem Saal. "Prothese", sagt Jorge Enrique. Navarro war im ersten Leben Kaempfer der inzwischen aufgeloesten Guerillagruppe M-19. Plötzlich eilt Santa Claus aus dem Saal: Carlos Gaviria, hoch gehandelter Kandidat der Linken für die Präsidentenwahl 2006 und Rauschebart-Träger. Was man im Fernsehen nie sieht: Bei jedem Schritt knickt Gaviria leicht in den Knien ein, als trüge er einen schweren Geschenk-Sack. Plötzlich reißt eine Glocke die Senatoren aus der Lethargie: Abstimmung über die Pensionsreform. Eilig drücken sie ihre Zigarillos in die Ascher und drängen durch eine schwere Holztür, auf der vermerkt ist "Bitte keine Waffen im Saal tragen". Zeit für uns zu gehen. Hernando drückt mir seine Karte in die Hand und gurrt mir ein "Ruf mich an" zu. Ein letzter Blick in die Journalistenkammer, wo es immer noch 0:0 für Deutschland steht. Zurück auf der Carrera Séptima schaut Jorge Enrique mich erwartungsvoll an: "Und? Was denkst du?"