Kriegsgeschichte
Sie steht am offenen Fenster uns raucht. Eigentlich mag Sylvia keine Zigaretten. Dieses beklemmende Gefühl, wenn sich der Rauch in der Lunge ausbreitet und sich an die Innenwände setzt und hinterher bleibt nichts als Ekel; dieser ätzende Geschmack. Sie raucht nur in besonderen Situationen. Damals, nach dem Abschluss am Gymnasium hatte sie ihre erste probiert, dann erinnerte sie sich noch an die beruhigende Wirkung einer Zigarette vor dem Vorstellungsgespräch. Auch heute hoffte sie, dass die Zigarette sie ein wenig beruhigen könnte, aber es passierte nichts. Die Gedanken ließen sie nicht in Ruhe. Wie sollte das alles so weitergehen? Wozu? War das Leben nicht eigentlich ein Geschenk? Und zwar eines, dass man gern empfängt, von dem man nicht genug bekommen kann, dass man jeden Tag aufs Neue bewundert und dankbar dafür ist? Und bisher hatte sie es auch bewundert, Tag für Tag. An manchen Tagen weniger, an manchen mehr, aber doch immer mit einer gewissen Leidenschaft. Dieses Gefühl war heute verschwunden und das war es, was ihr wirklich Angst machte. Wie sollte es so weitergehen? Sie spürte, dass sie ohne dieses Gefühl nicht mehr der Mensch sein konnte, der sie sein wollte, sollte, war. Es war, als hätte sich eine dunkle Seele in ihren Körper geschlichen, ihren Geist betäubt, vernichtet, zerstört und nun war sie besessen. Diese innere Unruhe, diese Angst, dieser Hass. Es war alles so fremd und doch auf eine merkwürdige Weise vertraut. Sie nahm einen weiteren tiefen Zug, schloss die Augen und versuchte auf sich einzureden, sich zu beruhigen. Es war nicht möglich. Sie losch die Zigarette, schloss das Fenster hinter sich und setzte sich wieder vor den Fernseher. Dort erschienen, wie schon den ganzen Tag, immer wieder dieselben Bilder von verwundeten Soldaten, Kriegsgefangenen, Foltern. Im Hintergrund sah man brennende Gebäude, schwarze Autos und verstaubte Straßen. Selten verirrten sich Zivilmenschen auf die Straße, doch das war immer ein besonderer Augenblick, denn man konnte in ihren Gesichtern die blanke Verzweiflung sehen. Die Soldaten schauten immer nur müde, so, als ob sie keine Lust mehr hätten. Keine Lust nachzudenken über das, was sie taten, keine Lust, weiterzumachen, aber sie mussten. Für wen? Warum? Es war bereits sehr spät, Sylvia beschloss, sich hinzulegen und zu versuchen, sich nochmals abzulenken. Sie wusste, es würde nicht funktionieren. Die Nacht war sehr unruhig. In dem Kriegsgebiet ereigneten sich neue Unruhen, Schüsse fielen, Menschen, auch Zivile, wurden grundlos getötet. Sylvia hörte das im Fernsehen mit. Sie hatte ihn über die Nacht nicht ausmachen können, aber sie sah nicht mehr hin, sondern lauschte nur. Irgendwann im Morgengrauen schlief für zwei Stunden ein. Sie träumte von einem dicht besiedelten Wald. Es war dort ganz friedlich und ruhig. Sie stand auf einem kleinen Hügel, atmete die frische Luft tief ein und genoss den Anblick des Grases, der Tiere und des kleinen Wasserlochs in ihrer Nähe. Dann sah sie ihren Sohn am Wasserloch stehen. Sie winkte ihm und wollte zu ihm heruntergehen, doch sie konnte nicht, Es war, als stünde eine Wand zwischen ihnen. Sylvia versuchte es immer wieder, schrie und rief nach ihm, doch er hörte nichts. Sein Gesicht verzog sich derweil zu einer schrecklichen Grimasse, der Regen setzte ein, in der Ferne hörte man Donner. Dann brach er zusammen. Sylvia wachte auf. Aber nicht ruckartig und verstört, sondern plötzlich ganz klar und ruhig. Sie ging zu ihrem Schreibtisch, schaute sich die Fotos von ihrem 19-jährigen Sohn an, lächelte erst, gab ihm einen Kuss und fing schließlich bitterlich an zu weinen. Sie wusste, er war diese Nacht im Gefecht getötet worden.