Laue Seen, warme Bäder
** Mittwoch, 14. September 2005 ** - Teilweise sonnig, 25°C - ** Eger/Szarvaskö (Heves), HU ** - km 21’869 Auf Anraten der Rezeptionistin fahren wir mit unserem Wohnmobil auf den riesigen Parkplatz des noch riesigeren Einkaufszentrums TESCO, von wo alle paar Minuten ein Bus ins Zentrum der Stadt Eger fährt. Das Stadtzentrum ist sehr schön, mehrere Strassen sind autofrei. Auf dem Hügel thront eine Burg, die 1552 den Türken trotzte und einige Jahrzehnte später doch in deren Hand fiel; zu ihren Füssen erstreckt sich ein grosser Platz mit einer Kathedrale an der Seite. Trotz der vielen Geschäfte, die einen Bummel durch die Stadt kurzweilig machen, geht es gemütlich zu und her. Das Minarett, das die Türken zurückgelassen haben, steht noch unversehrt da und dient als Aussichtspunkt, während die türkischen Bäder verfallen sind und gerade restauriert werden. Wir landen unter anderem in einem Marzipanmuseum, wobei uns die aktuellen Erzeugnisse im zugehörigen Shop deutlich mehr interessieren… Wir geniessen den Spaziergang so, dass wir darob fast die Zeit vergessen. Und einkaufen wollten wir auch noch – so wird es schon etwas spät bis wir die Fahrt Richtung Budapest aufnehmen. Die Strasse über den Ausflugs-Gebirgszug Matra ist sehr schön, aber die kurvenreiche Strasse begünstigt ein rasches Vorwärtskommen nicht gerade, so dass es schon dunkel wird, als wir den Stadtrand von Budapest erreichen. Welch ein Verkehr! Und die Strasse ist so schlecht wie seit Polen nicht mehr. Die wenigen Strassenschilder sind für Ortsunkundige auch nicht gerade sehr hilfreich… Ewig nach Hinweisen suchend und zunehmend gestresst, zwängen wir uns durch den stockenden Abendverkehr. Endlich ist das Campingschild in Sicht! Nun sind es noch sechs Kilometer stadtauswärts. Das Camping liegt an einem Hang, aber für Wohnmobile gibt es ebene Stellplätze. Schnell etwas gekocht und dann ab mit den Jungen ins Bett… ** Donnerstag, 15. September 2005 ** - Teilweise sonnig, 22°C - ** Üröm (Pest), HU ** - km 22’032 Mit Bus und U-Bahn ist das Zentrum von Budapest schnell erreicht. Philippe schleppt seine Taschen mit, da er eventuell schon am Abend wieder abreist. Während er im Keleti Palyaudvar (Nodbahnhof) seine Sachen verstaut, schlendern wir schon mal zur Donau. Trotz der geschäftigen Stadt, den drängenden Autos und laut über die Geleise holpernden Trams lässt sich auf den Bänken in den kleinen Parks am Donauufer Ruhe finden: Der Blick schweift über den breiten Fluss ans andere Ufer, über die Türmchen und Kuppeln der Burganlage, flussauf- und abwärts, den ruhigen Bewegungen des Wassers, der Ausflugsschiffe und den Lastkähnen nach. Auf dem Rückweg zum Treffpunkt entdecken wir noch weitere beschauliche Plätze, grosszügige Flächen Springbrunnen und umsäumt von stolzen Bauten aus der vorigen Jahrhundertwende, wo Studenten auf den Stufen der Denkmäler philosophieren und die Älteren in den Cafés sitzen. Wieder mit Philippe vereint fahren wir mit dem Bus auf den Burghügel, von wo aus man eine prächtige Aussicht über den Fluss, die untere Stadt und das architektonisch reich verzierte Parlamentsgebäude hat. Durch die Gassen der Altstadt erreichen wir den Moskau-Platz, der tatsächlich in der Russischen Hauptstadt stehen könnte mit seinem Geflecht an altersschwachen gelben Tramlinien, dem unansehnlichen Betonbau, der die Metrostation darstellt und den beiden Reihen kleiner Kioske, in denen alles und nichts verkauft wird… Für ein kleines Abschiedsessen verschwinden wir auf der anderen Strassenseite in einem Etablissent, welches ungesundes amerikanisches Essen, hier immerhin in ansprechender moderner Architektur mit farbigen Leuchtröhren und samtenen grünen Hockern bietet. Dann ist es schon Zeit zum Aufbruch, wir begleiten Götti Philippe zum Keleti Palyaudvar, wo der „Wienerwalzer“ Budapest-Wien-Zürich bereits bereit steht. Tschüss, Götti Philippe, danke für den Besuch und gute Heimfahrt! Da wir unsererseits nun schon gegessen haben, drängt die Zeit nicht; wir spazieren noch etwas südwärts durch die nun abendlich beleuchteten autofreien Gassen, wo sich die Bars langsam füllen und die gemütlichen Restaurants mit Terrasse auf der Strasse schon gut besetzt sind. ** Freitag, 16. September 2005 ** - Meist sonnig, 25°C - ** Üröm (Pest), HU ** - km 22’032 Am regnerischen Morgen verabschieden wir uns von der freundlichen Campingbesitzerin und ihrem zotteligen, verfilzten, weissen Riesenhund, der die halbe Zeit vor unserem Wohnmobil gewacht bzw geschlafen hat. Um eine weitere Stadtdurchquerung zu vermeiden, fahren wir auf der nächstbesten Ausfallstrasse vom Zentrum weg und nehmen einen Umweg über ein paar holprige Nebenstrassen in Kauf. Da das Tempo hier wegen der Strassenverhältnisse kaum 40 km/h übersteigt, bin ich im Nachhinein nicht mehr sicher, ob dies der schnellere Weg war… aber egal. Auch so erreichen wir am Nachmittag, nun wieder mehrheiltich im Sonnenschein, den Balatonsee und fahren auf einer schönen Panoramastrasse etwa 50 km diesem langgezogenen seichten Gewässer nach. Am südwestlichen Ende des Sees lassen wir uns an einem malerischen, nicht zu grossen Campingplatz direkt am Schilfufer des Sees nieder. Papa wagt auch ein Bad im trüben Wasser mit dem schlammigen Boden. Am Abend wäre es schön warm, um vor dem Wohnmobil draussen zu sitzen und den Blick über den See und den malerischen Kirchhügel auf der Rückseite schweifen zu lassen. Wäre, wenn da nicht diese Armee von blutrünstigen Mücken wäre, die eine Aggressivität an den Tag legt, die wir auf dieser Reise noch nicht erlebt haben. ** Samstag, 17. September 2005 ** - Bedeckt, regnerisch, 14°C - ** Vonyarcvashegy (Zala), HU ** - km 22’270 Die Mücken sind weg, aber das schöne Wetter auch! Ganz offensichtlich hat uns eine Kaltfront erreicht; an ein Frühsück draussen ist nicht mehr zu denken. Graue Wolken und ein feuchter Sprühregenschleier hängen über See und Kirche und verunmöglichen die Fotosession, die ich für heute morgen vorgesehen hatte. Also ein geeigneter Tag für eine der zahlreichen Warmwasserquellen und Heilbäder der Region! Zuerst hatten wir es auf das berühmte Heviz abgesehen, wo eine Warmwasserquelle direkt einen kleinen See speist und so ein natürliches Warmwasserschwimmbad bildet. Den Bildern und Beschreibungen zufolge nehmen wir aber an, dass es dort keine Innen-Aufenthalts- oder Baderäume gibt, die bei diesen Temperaturen schon angenehm wären, und wechseln deshalb unser Ziel nach dem etwas weiter südlich gelegenen Zalakaros, wo es einen Campingplatz gleich vor Ort und neben den Heilbädern auch ein Erlebnis-Hallenbad gibt. Wir sichern uns also ein Plätzchen auf dem Camping und packen schnell unsere Sachen für den Badeplausch. Das Gelände ist riesig, aber auf den Aussenanlagen herrscht ausser in dem dreissig Grad warmen Heilbecken, wo eine Schar beleibter älterer Semester wie Garnelen im Topf vor sich hin köchelt, gähnende Leere. Die Innenanlagen bestehen aus drei Teilen: einem älteren Heilbad-Teil, weiss getüncht und gekachelt mit einem gewissen Klinik- oder Sanatorium-Ambiente inklusive den Pflegerinnen in den weissen Schürzen, sodann ein neueres Thermalbecken in Achter-Form mit warmem Holzdach und Ruheliegen rundherum, sowie aus einem nagelneuen Erlebnisbad mit Massagedüsen, Strömungskanal, Spritzwasserdüsen, zwei Rutschen und einem Kinderplanschbecken. Während die Jungs in letzterem spielen, bis sie Schwimmhäute zwischen den Fingern bekommen, erholen wir uns abwechslungsweise in der Sauna, dem Dampfbad und auf den Rutschen. Der Strömungskanal hat es der ganzen Familie angetan, und dank den Schwimmflügeli drehen auch die Jungs ganz selbständig darin ihre Runden. Zum Schluss, kurz bevor das Wasser zu allabendlichen Erneuerung abgelassen wird, gehen wir noch alle zusammen ins Thermalbad hinüber. Zum Abschluss des Tages suchen wir ein kleines ungarisches Grillrestaurant auf, dessen gemischte Fleischplatte für alle etwas bereit hält! ** Sonntag, 18. September 2005 ** - Regen, 10°C - ** Zalakaros (Zala), HU ** - km 22’315 Bin ich heute mit dem falschen Bein aufgestanden? Zuerst lässt sich die Gasheizung, pünktlich zum Herbsteinbruch, auf keine Weise mehr in Betrieb setzen; ausserdem hat der Nachtregen einen Weg durch die Dachabdichtungen gefunden und hässliche feuchte Flecken an der Diele hinterlassen, die mit jedem Regenschub noch ein bisschen deutlicher werden. Beim Zähneputzen fliesst das Wasser aus dem Lavabo plötzlich über den Boden statt in den Brauchwassertank – das Ablaufrohr hat sich gelöst, ist aber glücklicherweise schnell wieder zu reparieren. Damit nicht genug, ist die eine Milch so nah am Verderben, dass sie mit dem Aufheizen ganz durchfällt, und die nächste Pfanne aus einer neuen Packung läuft natürlich über. Ist wohl nicht mein Tag. Wir tun das, was uns in solchen Fällen auch schon geholfen hat: Losfahren. Das gibt Distanz, belebt den Geist und schafft neue Horizonte. Bei einem Einkaufshalt vor der Grenze kaufen wir auch gleich einen kleinen Elektro-Radiator für den wahrscheinlichen Fall, dass sich die Gasheizung nicht von selbst erholt, sondern erst in der Werkstatt – falls überhaupt – zu neuem Leben erweckt werden kann. Das sollte uns insofern über die Runden helfen, da wir in der übriggebliebenen Zeit wohl immer auf Campingplätzen sein werden, wo es Strom gibt. Eine ganze Weile versuchen wir uns aus der Schulzeit die Formeln für die Umrechnung von Watt in Ampère in Erinnerung zu rufen, da die Anschlüsse auf den Plätzen meist in Ampère beschränkt sind, aber der Verbrauch der Geräte natürlich in Watt angegeben sind. Nach der Grenze zu Kroatien wechseln wir auf die Autobahn, damit wir das Tagesziel, die Plitwitzer Seen, noch erreichen. Die Gebühren hier sind nicht ohne: für die 90 Kilometer bis Zagreb zahlen wir fast gleichviel wie in Österreich oder Tschechien für eine 14-Tage-Vignette. Als ich aber in Zagreb die Autobahn verlasse, um zu tanken, sehen wir gleich nach dem Autobahnanschluss eine lange, praktisch stillstehende Kolonne. Was tun? Sich in den Stau setzen ohne zu wissen, wie lange? Umweg fahren? Wir beschliessen, das zweite zu tun und fahren auf der Landstrasse südwärts Richtung Glina. Die Strecke ist schön, sogar bei diesem trüben Wetter malerisch über verschiedene Hügel und durch verschlafene Ortschaften, an deren Ränder immer wieder bekränzte Erinnerungstafeln an die menschlichen Verluste des Unabhängigkeitskrieges vor 10 bis 14 Jahren erinnern… Die Strasse ist praktisch verkehrsfrei, aber zum raschen Vorwärtskommen nicht geeignet. Erst beim Einnachten erreichen wir wieder unsere Route, und den Campingplatz beim Nationalpark erreichen wir erst in der regenreichen Dunkelheit. ** Montag, 19. September 2005 ** - Wechselhaft, 12°C - ** Grabovac/Rakovica (Karlovac), HR ** - km 22’642 Von Wetterbesserung noch keine Spur. Das gewaschene und abgetrocknete Geschirr ist bis zum Wohnmobil zurück schon fast wieder nass… Trübe Nebel- und Regenschleier hängen bis zum Boden, es ist nach wie vor spätherbstlich kalt. Unter diesen Voraussetzungen lassen wir das letzte geplante Highlight, die Plitwitzer Seen mit ihren Wasserfällen, am Fenster vorbeiziehen, da es niemanden aus dem radiatorgewärmten Wohnmobil zieht. Wir passieren zwei Pässe; nach dem ersten gelangen wir in ein breites Hochtal, wo der Regen bald aufhört und erste blaue Flecken in der sonst lückenlosen Wolkendecke erkennbar sind. Nach dem zweiten blicken wir auf eine weite Ebene, die sich bis zum Meer hin zieht, und vom Pass her weht ein starker, kalter Wind, der sich aber mit jedem Meter Abstieg abschwächt. Bis zur Talebene haben wir das mediterrane Klima erreicht, und das Thermometer ist um sagenhafte zehn Grad gestiegen! Schon nach den Plitwitzer Seen, wo man die Region Norddalmatien erreicht und die Strasse nur einige Kilometer von der bosnischen Grenze entlang führt, sind uns einige zerstörte, zum Teil in Wiederaufbau befindliche Kirchen aufgefallen. Und auffallend viele Häuser sind im Rohbau, oder unverputzt bewohnt, oder im unteren Stockwerk bewohnt, während das obere noch im Rohbau ist. Ob es, wie schon vor zu Zeiten von Titos Jugoslawien, die stetig drohende Inflation und deshalb das Sparen in Material statt in Geld ist, oder ob es dringender Ersatz für die Zerstörungen des Krieges sind? Vielleicht beides. Im Hinterland von Zadar sehen wir noch einzelne ausgebrannte Häuser und Hauswände mit Schusslöchern, aber die meisten sind wiederhergestellt, und die venezianischen Löwen auf den Torpfosten und die nett hergerichteten und bunt blühenden Vorgärten zeugen von einem ungebrochenen Selbstbewusstsein und hoffnungsvollen Blick in die Zukunft. Als wir an der Rezeption des Campingplatzes in Zaton die Türen öffnen, ist es wie ein nach Hause kommen: Warme, vom Föhrenwald und dem Meersalz gewürzte Luft strömt hinein, die bei mir starke Erinnerungen an die vielen Herbstferien in Istrien hervorruft, wo das Hotel in genau so einem Föhrenwald am Meer lag. Plätze hat es offenbar noch genug, und wir entdecken ein Wohnmobil gerade bei der Abfahrt von seinem Platz in der vordertsten Reihe! So ergattern wir einen sonnigen Platz mit freiem Blick aufs Meer und den Sandstrand, wo gerade ein paar junge Mannschaften Beachvolley-Matches hinlegen, die von Ferienspielereien weit entfernt sind… ** Dienstag, 20. September 2005 ** - Sonnig, 25°C - ** Zaton (Zadar), HR ** - km 22’808 Da sind wir also auf unserem vorläufigen Ausruheplatz. Seit etwa Wien war die Neugier auf weitere Sehenswürdigkeiten und Entdeckungen nicht mehr allzu gross, und die nicht gerade grossartigen Entdeckungen in der Slowakei verstärkten dies noch. Neben der erschlaffenden Reiselust kommen andere Sehnsüchte hinzu: Wieder mal aufzustehen, ohne einander auf den Füssen zu stehen, wieder einmal in die Dusche gehen, ohne hundert Meter laufen zu müssen, wieder einmal einkaufen, ohne mühsames Umrechnen von alle vier Tage unterschiedlichen Währungen und ohne mühsames Entziffern, ob sich denn nun in der Tüte auch das versteckt, was man erwartet. Natürlich bot dies alles auch das Vergnügen, den Abenteuer- und Neugiergeist zu stillen, über dies und jenes Unverhoffte zu lachen, den Horizont in vielfacher Weise zu erweitern. Aber nach über fünf Monaten kommt eine gewisse Sättigung zu Stande… Weshalb wir eben nun hier ein bisschen bleiben und ausruhen wollen, bevor es auf die Heimreise geht. In einer Woche schliesst dieser Campingplatz, dann haben wir noch einen weiteren in Istrien in der Nähe von Pula in Aussicht, sofern das Wetter mitspielt. Ich glaube, meherere Tage im Regen würden wir jetzt nicht mehr in Kauf nehmen. Aber vorläufig kann davon keine Rede sein! Den ganzen Tag sind wir in Sonnenschein getaucht, trotz eines Tiefs, das laut einer Zeitung über unseren Köpfen zu hängen scheint. Einzig am Bergkamm, der im Hintergrund landeinwärts zu sehen ist, hängt eine dichte Wolkendecke und quillt über den Kamm hinaus wie eine zu stark mit Isolierschaum gefüllte Mauerspalte. Trotz des hie und da auffrischenden Winds ist das Meer völlig ruhig, dank den vorgelagerten wellenbrechenden Inseln. Die Jungs ergötzen sich an Sandspeilen und Fahrradfahrten. Am Abend retten sie die Kinderdisco, da sie mit einem Mädchen zusammen die einzige „Kundschaft“ bilden.