Letzte Runde für das britische Pub?

Weniger Besoffene auf den Straßen, weniger Schlägereien und weniger Ausgaben für Polizei und Ambulanz. Man erhofft sich einiges vom Wegfall der traditionellen Sperrstunde. Besonders das in England verbreitete Koma-Saufen soll dadurch eingedämmt werden. So hat sich das die Labour Party gedacht als sie die letzte Runde der „last order“ einläutete. Doch die längeren Öffnungszeiten könnten das Ende des britischen Pubs und den Verlust eines Stücks angelsächsischer Kultur bedeuten. Keine Glocke kurz vor 23 Uhr, kein „Last order please!“ ertönt mehr. Man muss auch nicht mehr stehen, denn man hat Zeit, sich zu setzen. Genussvoller Umgang mit Porter und Stout kuriert die „neue britische Krankheit“. Die Kontinentalkultur der Cafes ist angekommen und verdrängt englische Gewohnheiten. Neugewonnene Trinkfreiheit lehrt den Inselbewohnern, nicht volkssportlich, sondern kultiviert zu saufen. Wer entspannter trinkt und länger nippt, der konsumiert letztendlich aber weniger. Und wenn weniger Bier gezapft wird, fehlt das Geld, um Schankwirt und Kellnerin für die längere Arbeitszeit zu bezahlen. Die, die keine Nachtlizenz beantragt haben, müssen den Laden früher dicht machen als die Kunden. Oder eben ganz. Denn viele Pubs werden schließen, weil sie die zusätzlichen Reinigungs- und Gesundheitskosten, an denen sie sich bald beteiligen müssen, nicht aufbringen können. Von etwa 5.000 ist die Rede. In der englischen Pubkultur kriselt es gewaltig. Am häufigsten trifft es die kleineren Kneipen, die auf Stammkunden angewiesen sind und für die kein Zusatzgeschäft bleibt, wenn Pub-Betreiber wie Wetherspoon oder Yates Group bis drei Uhr morgens öffnen. Durstige trinken ihr Bier dort, wo es länger fließt. Ein Ortswechsel im alkoholisierten Zustand kommt für sie wohl weniger infrage. Viele werden sich alternativ für das Großraumlokal entscheiden. Tatsache ist, dass die Lokale großer Pub-Ketten nicht mit der gemütlichen Atmosphäre und dem unverwechselbaren Lokalkolorit der kleinen Kneipen glänzen können. Man sollte die urtypischen englischen Pubs unter Artenschutz stellen und sie zumindest ohne Nachtlizenz länger öffnen lassen. Denn schließlich geht es hier um eine fast Jahrhundert alte Tradition.