Next-Gen: next round
Die E3 2005 ist längst Geschichte, das LA Convention Center von der Staubwolke der Journalisten-Stampede befreit und die Schreiber wie Spieler um einige Antworten aber mindestens genauso viele Fragen reicher. War die diesjährige Messe ein Wendepunkt in der Historie der digitalen Unterhaltung? Quo vadis Videospielszene? Die Gewinner der (noch) aktuellen Generation, Sony und Microsoft, zeigten sich auf der E3 technisch überaus potent und luden ein zum fröhlichen Schwanzvergleich. Es zeigte sich schnell, dass Sony hier den Längsten hat. Doch wie wir aus dem Leben wissen, ist das nicht unbedingt entscheidend, zumal es so aussieht, als würden die drei Konsolen-Musketiere jeweils unterschiedliche Ansätze verfolgen um die Kundschaft ins Boot zu holen. Wo Sony auf Technik-Superlative mit Cell-Ship, Blue-Ray-Datenträgern, "Reality-Synthesizer" und bombastisch präsentierten Game-Trailern setzte, versucht die Gates-Truppe den Weg zu gehen, den Sony damals mit der Playstation so erfolgreich einschlug und der die Wahrnehmung von Videospielen nachhaltig beeinflusste: kluges Marketing und eine Integration in die Bereiche Popkultur und Lifestyle: Präsentation der XBox 360 auf MTV, Sponsoring von Trendsport-Events und eine durchdachte Überarbeitung des viel gelobten XBox-Live Online-Portals mit mehr Benutzerfreundlichkeit und Komfort. Argumente für die junge, sofa-sitzende Spaßgesellschaft? Damit es diesmal auch mit dem japanischen Markt klappt, hat Microsoft das Design der neuen Konsole in amerikanisch-japanischer Co-Produktion entwerfen lassen und zudem einige erfahrene Rollenspiel-Spezialisten angeheuert, denn erfahrungsgemäß gehen RPGs in Nippon weg wie beschnitten Brot. Da die XBox 360 zudem auch noch den Vorteil der früheren Veröffentlichung genießt, muss Sony mit der Playstation3 beweisen, dass nicht nur die Trailer, sondern auch die Spiele selber so gut aussehen, und vor allem: spielerisch überzeugen können. Man wähnt sich bereits als Sieger, dabei ist der Gong zur ersten Runde noch gar nicht ertönt. Sicher, Sony ist Marktführer, muss das aber mit einem starken Line-Up untermauern. Doch in der neuen virtuellen Wunderwelt werden die ohnehin schon nicht gerade geringen Entwicklungskosten für Spiele noch einmal drastisch steigen. Viele Software-Studios wird das zu einer Sicherheitspolitik veranlassen, die sich in Updates von erfolgreichen Serien, der Ausschlachtung gewinnbringender Trends und allgemeiner Innovations-Flaute niederschlägt. Hier ist der Punkt an dem Nintendo ansetzen will. Die sture Traditionsfirma aus Kyoto, bei der man immer das Gefühl hat, dass sie noch gar nicht in der Realität angekommen ist, predigt gebetsmühlenartig die Wiederkehr zu alten Spielspaßtugenden und den Aufbruch zu neuen Interaktionsmöglichkeiten. Nicht die Technik, der Mensch soll im Mittelpunkt stehen. Doch mit seiner halsstarrigen, schon fast schroffen Art und (bisher) keinen Taten, die den Worten folgten, zieht Nintendo die Skeptiker an wie das Licht die Motten. Sollte die Philosophie von BigN aber Erfolg haben, stehen wir Spieler vor einer interessanten Situation. Bis jetzt ging der Weg der stationären Konsolen immer mehr oder weniger nach vorne. Schöner, größer, spektakulärer - das mussten Spiele in erster Linie sein. Mit dem Revolution könnte es auch die Revolution geben, eine Alternative für Spieler, die ob der drohenden Stagnation ihres Hobbys nach einem Neubeginn suchen. Mit dem Release der XBox 360 am Ende des Jahres wird das Rennen offiziell gestartet. Dann wird sich zeigen, wer auf das richtige Pferd gesetzt hat und wessen Gaul notgeschlachtet werden muss.