Nicht Bauch, aber Hirnfrei

Frühling spannt sein blaues Band Sobald die ersten warmen Sonnenstrahlen bereits vor dem Klingeln des Weckers die Ankunft des Tages ankündigen, indem sie wohlige Gefühle kosmischer Wärme auf Wangen und rote Schleier unter Augenlidern erzeugen, ändert sich das Verhalten der Menschen. Unverkennbar herrscht Frühling. Die Kräuter spriesen, der Ein oder Andere plagt sich mit seinem Alleinstehendendasein herum und die Temperaturen pendeln sich auf Durchschnittswerte ein, die mir meinen geliebten Esprit-Mantel verleiden. - Also ab damit in den Kleiderschrank, es gibt schließlich auch noch T-Shirts von Esprit. Was dem Mann sein Muskelshirt, ist der Frau das Top und gerade in einer Studentenstadt wie Münster merkt man erstaunt auf, ob der plötzlichen Verwandlung des Straßenbildes. Unter bunten Palästinensertüchern, noch während der kalten Jahreszeit versteckt, offenbaren sich nun nicht nur Rücken, die entzücken. Bemerkbar macht sich auch der Nackenschmerz, vom Hin und Her der Blicke. Denn weil Mann nur zwei Augen hat, muß er Ping-Pong spielen, um alle Straßenseiten auch überwachen zu können. Waschbären aller Orten Knappe Kleidung ist etwas Feines. Wenn der Träger oder die Trägerin, mit oder ohne Träger, dazu gemacht oder sich selbst dazu gebracht hat, sowas nicht nur tragen, sondern zelebrieren zu können. Ich selbst bin da ja zurückhaltend, weil gutes Aussehen in knappen Klamotten subjektiv ist. Sicher ist, man muß sich wohlfühlen können in seinem Muskelshirt und das kann man nur, wenn man den Waschbären, der über den Winter Quartier genommen hat, entweder durch Sport und oder mit Selbstbewußtsein wieder vertreibt. Oft kommt diese Erkenntnis allerdings erst, wenn man vorm Spiegeln steht und das Lieblingssonnenoutfit den drei Quartale älteren Körper nicht mehr zu verschönern in der Lage ist. Kein Problem, es gibt Mittel und Wege das zu ändern und, ganz ehrlich, das macht sogar Spaß! Allerdings gibt es in diesem Zusammenhang ein sprichwörtlich schwerwiegendes Problem: Nicht jeder erkennt das. Freinabelkultur Denn mit den eigenen Zweifeln legen andere Menschen nicht nur diese ab. (Wenn sie denn das Phänomen Zweifel überhaupt jemals kannten.) Vorzugsweise im extra-Markt zwischen Wurst- und Käsetheke kann man plötzlich Dinge sehen und erleben, die man nicht sehen und erleben möchte. Gewaltige Fleischberge, bedeckt von einem Hauch von Nichts, bewegen sich unerschrocken, die Wirkung von Achselhaar und Schweißfleck ignorierend, an Dir vorbei und unwillkürlich, nach Überwindung von Ekel, Brechreiz und Mitleid, stellt sich Dir die Frage, warum Du mit Deinen zwei Kilo zuviel, nicht in der Lage bist, ähnlich dreist die Auswirkungen der persönlichen Lebensweise auf den eignen Körper zur Schau zu stellen. Ich behaupte, bei mir hat das etwas mit eingebauter Scham und natürlichem Understatement zu tun, wobei ich beides dann ablege, wenn ich den Mund aufmache. Schwarzen Löchern gleichKlar hat der Frühling die Eigenschaft Verborgenes zu wecken, doch hebt er sein blaues Band offenbar nicht zu Gunsten von Selbstreflektion, Geschmack und dem leisen Gefühl, daß Respekt gegenüber dem Mitmenschen auch heißt, sie nicht mit Dingen zu belästigen, die sichtbar über die Hüften sowie zwischen Leggins und Top hervorquellen. Klar könnte ich weggucken, aber gewaltige Bauchnabel entfalten ähnlich Schwarzer Löcher gewaltige Anziehungskraft. Männer sind in dieser Beziehung schmerzfrei bzw. sie setzen die Prioritäten anders. Solange Mann den Kasten stemmen kann, solang ist Mann ein Mann, wobei allerdings häufig übersehen wird, daß mit Bierkonsum nur andere attraktiver werden. Frauen hingegen wird ein mehr an Ästhetik zugeschrieben. Eine These die durch meine empirischen Beobachtungen nicht unbedingt gestützt wird. Im Gegenteil denn Mann läuft selten Nabelfrei. Daß wir wohl kaum drumherum kommen, steht außer Frage, allerdings könnt Ihr es vergessen mich in nächster Zeit zwischen Käse- und Wurstheke zu treffen.