Olli Kahn im Farbenrausch
Ähnlich wie vor Kinder-Geburtstagen, lässt sich im Vorfeld bestimmter Spiele, oder sogar großer wie kleiner Turniere, eine gewisse Aufgekratztheit bei den Beteiligten feststellen. Selbst erfahrene und eher wortkarge Spielerpersönlichkeiten, deren Art es eigentlich ist, komplexe Sachverhalte in knappen Worten gebündelt auf den Punkt zu bringen ("Eier !" - "Wir brauchen Eier !"), lassen sich davon anstecken und entdecken den Lothar Matthäus in sich. So lässt uns Torhüter Kahn in der letzten Ausgabe der Fachzeitschrift "Sport-Bild" anlässlich der bevorstehenden Mini-WM und deren großer Schwester im nächsten Jahr, ein wenig in seine ganz private Farbenphilosophie eintauchen und berichtet aus dem Innersten unseres neuerdings gelegentlich textil erröteten Nationalteams, welches ob der markanten Farbgebung noch geteilter Meinung zu sein scheint. "Ich saß auf der Bank, sagte zu den Jungs: "Steht Euch gut, dieses Rot."" Es ist gut, einen Mann im Team zu wissen, der den jungen, oft noch unsicheren Mitspielern, seinen ganzen modischen Erfahrungsschatz zur Verfügung stellt und selbst von der Bank aus noch Sicherheit vermittelt, ja sogar Stilscherheit und obendrein eine Messerspitze Philosophie: "So wollen wir ja auftreten. Mit einer gewissen Aggressivität.Das ist unsere Philosophie." Zugegeben, die Philsophie ist etwas kurz geraten und selbst auf einem Bierfilz abgedruckt, wäre neben ihr noch "Raum für eigene Notizen", deshalb wollen wir den Begriff "Philosophie" in diesem Zusammenhang als Euphemismus für "Fröhliche Farbenkunde" betrachten und siehe da, das kennen wir von der Autobahn: "Rot" ist das, was auf der linken Spur fünf Meter hinter uns die Lichtorgel ausreizt. In den Fußball übertragen heißt das: Dem Gegner auf dem Schlappen stehen und gelegentlich die vielzitierte Blutgrätsche an den Mann bringen. Weil Herr Kahn aber, wie er sagt, auch ohne Rot aggressiv sein kann, ist sein Trikot von blauer Farbe. "Blau ist meine Lieblingsfarbe. Blau symbolisiert Freiheit, Weite, Himmel, Meer. Gigantische Symbole für mich." Wer unseren blaugewandeten Torhüter bisher einfach für einen Torhüter hielt, der auf dem Platz einen blauen Sportpullover anhat, muß spätestens jetzt einsehen, daß er es mit einer spirituellen Person zu tun hat, welche die Essenzen aus indianischer Mystik und fernöstichem Zen-Buddhismus in sich vereint und in einzelnen Suren an die Leser der heiligen Schrift "Sport-Bild" weitergibt. Die Symbole, die er uns nennt, sind wahrhaft gigantisch: Nehmen wir zum Beispiel "Freiheit" - Wollen wir nicht alle "frei" sein ? Will nicht jeder Stürmer unter uns "frei" zum Schuß kommen ? Wollen wir nicht alle die Mauern sprengen, die uns einschränken, die uns der gegnerische Torwart in den Weg gestellt hat, oder der Staat, weil wir beim Stadionbau in die eigene Tasche gewildmosert haben? Haben wir sie, die Freiheit, nicht schon gemeinsam mit unserem liebsten Wanderprediger Marius M. Westernhagen besungen, nach dem siebten Bier, als wir "blau" waren ? Auch das "Meer" ist natürlich ein Symbol, welches in seinem Gigantismus der Freiheit in nichts nachsteht. Symbolisiert es doch Tiefe: Die Tiefe des Raumes, die Tiefe der Gedanken von Franz Beckenbauer, die Tiefe des Spielniveaus.... Wer "Meer" sagt, sagt auch "Wellen, Korallen, Ölpest, Jaques Cousteau, Tsunami, Matjesfilet, Bohrtürme, Seenot, Piraten, Baywatch, Frutti di Mare, Atom-U-Boot, Rimini, Christoph Columbus, Überfischung.." Und all das und noch viel mehr trägt unser Torhüter in seinem blauen Adidas-Sweater für uns durch die Strafräume dieser Welt. Unser Olli Kahn: Ein Sportsmann von gigantischer Mehrdimensionalität, der nicht nur Unhaltbare hält, sondern auch Unsagbares sagt.