Onkel Theo´s Brut
Edward schloss die Tür hinter sich zu, setzte sich auf das Sofa und vergrub seine Hände im Gesicht. Einen so unwürdigen Abgang hatte er Onkel Theo nun doch nicht gewünscht. Die Bilder der Beerdigung des Spätsommertages spukten noch immer in seinem Kopf. Es waren nicht viele Menschen gekommen, nur ein paar alte ergraute Männer warteten mit ihm zusammen auf den Prediger, der die letzten Worte über den Greis im Blechsarg verlieren sollte. „Wir nehmen Abschied von einem Freund, Onkel und Mann und wollen gemeinsam für ihn ein Vater unser beten“, hatte der Prediger irgendwann gegen Ende seiner Grabrede die Anwesenden aufgefordert. Edward spürte, kaum waren die Worte gesprochen, wie sich die Atmosphäre am Grab verdüsterte. Nein, ein Freund war Onkel Theo für die meisten hier sicher nicht gewesen. Nie fand er ein gutes Wort für die wenigen Menschen, die sich noch um ihn kümmerten. Zwar konnte dies der angeheuerte Laienprediger nicht wissen. Onkel Theo war schon vor langer Zeit aus der katholischen Kirche ausgetreten. Das Geld wollte er sparen. Für die Bank. Außerdem wollte er mit den Leuten aus der Gemeinde nichts zu tun haben. Sie waren dem selbst hochbetagten 81-Jährigen zu alt. Edward hatte nie versucht, ihn umzustimmen. Sollte der alte Herr doch allein und geistig schon leicht verwirrt in seinem großen Haus am Rande der Stadt sitzen und auf den Tod warten. Zwar bekam Edward manchmal beim Gedanken an diese Alterseinsamkeit Mitleid mit seinem Onkel. Doch das schlechte Gewissen hielt sich am Ende eines solchen Tages auch wieder in Grenzen. Denn Onkel Theo schikanierte ihn nur zu gern mit seinem Altersstarrsinn. Edward wurde nie gebeten, der alte Mann befahl ihm stets. Hin und wieder musste er auch die Putzfrau rauswerfen, weil sie ihn angeblich beklaute. In den wenigen Augenblicken, in denen sich der Greis seiner Einsamkeit bewusst wurde, sollte Edward absurder Weise die Mieter aus dem ersten Stock in Onkel Theo´s winziges Gästezimmer einquartieren. Das junge Paar sollte das Geld für die Miete doch lieber sparen, begründete er so seinen Anflug von Mitmenschlichkeit. Edward schreckte gedankenverloren hoch, als das Telefon klingelte. Reflexartig griff er nach dem Hörer und spuckte ein Ja bitte in die Ohrmuschel. „Edward, wir haben sein Testament gefunden“, entgegnete der Anrufer in unhöflichem Ton. Im Hintergrund bellte ein Hund. Der Mann am anderen Ende der Leitung war Martin. „Prima, dann gibt es ja jetzt richtig was zu erben“, kommentierte Edward leicht süffisant. „Wer erben will, kommt aber auch ans Grab des Toten“, fuhr Edward seinen Bruder missgünstig an. „Moralist“, bellte dieser zurück. „Ich wollte dir nur mitteilen, dass der Anwalt uns morgen bei sich in der Kanzlei erwartet“. Edward hörte nur noch das Klicken des Hörers. Einen Abschiedsgruß sparte sich sein Bruder. Wie ein Geistesblitz schoss Edward die Frage durch den Kopf, warum Martin Abschiede nur so hasste. Das Geräusch beim Auflegen lies ihn kurz erstarren. Es erinnerte ihn daran, wie er die Pistole in der Hand hielt, sie lud und abdrückte. Das Bild drängte sich aufdringlich gefährlich in seine warme Hirnmasse. Erinnerungen krochen durch seine Wirbelsäule in ihm hoch und fluteten seinen Körper mit angenehmer Wärme. Er erinnerte sich sehr genau an das Gesicht der rothaarigen Frau aus dem Museum. Sie fiel ihm zunächst durch das Buch unter ihrem linken Arm auf. Decoding Hollywood - The Dead City Library war der Titel des dicken Wälzers und die anmutige Art wie sie es trug, verlieh der üppigen Schönheit einen Hauch von Magie. Sie wirkte beinahe wie eine Hexenmeisterin damit auf ihn. In der Vorhalle des Museumstrakts sprach Edward sie an, während sie sich gerade in ihren Mantel wühlte. Sie kamen rasch ins Gespräch. Sie war der Typ Frau, der neugierig auf neue Bekanntschaften war. Das bemerkte Edward schnell. Ihre blaugrauen Augen waren wie kleine leuchtende Blitze, ihre Haut von einer anmutenden Blässe und ihre Zähne so gerade wie die Stehlen der London Bridge. Aus der Nähe gefiel sie ihm noch besser, da sie dabei nicht ihren Zauber dafür aber ihre auf den ersten Blick vorhandene Unnahbarkeit verlor. Sie tranken gemeinsam einen Pernot mit Eis im Café nebenan. Über das Buch sprachen sie nicht. Dafür über die Ausstellung der jungen jüdischen Künstlerin, die Schrift und Bild so einzigartig miteinander zu einem apokalyptischen Klangspiel verwoben hatte. Charlotte Salomon. Wenn Vivian ihren Namen aussprach, klang er wie aus einer anderen zauberhaften Welt. Nach dem dritten Pernot fragte sie ihn, ob er mit ihr kommen wolle. Edward kitzelten die Fingerkuppen beider Hände vor Erregung. In ihrer Wohnung, die nur wenige Schritte vom Museum entfernt war, gab es nicht viele Möbel. Der flauschige hellbeige Teppichboden wärmte seine nackten Füße. Sie trieben es stundenlang auf dem Boden. Mitten am Tage. Ohne ein Wort zu sprechen, ergossen sie sich gegenseitig ineinander. Irgendwann gegen Abend mussten sie beide erschöpft auf der Erde des Wohnraums eingeschlafen sein. Edward machte sich lang. Der Lauf der Pistole zementierte sich in seinem Kopf fest. Kalter Schweiß brach ihm aus. Plötzlich musste er sich zwischen den Schenkeln heftig kratzen. Sein Penis juckte wie verrückt. Gerechte Strafe flüsterte ihm eine Stimme ins Ohr. Gerechte Strafe Gottes. Kurz darauf verlor er das Bewusstsein und ging zu Boden. Edwards Bewusstsein tauchte in einen vorgezogenen Winterschlaf. Eine fremde Macht schien sich vorübergehend seiner Seele angenommen zu haben. Seine Augen traten hervor. Ich steige die Treppen in einem alten Haus hinauf. Ein junges Pärchen auf einer Bank. Als ich näher herankomme, sehe ich, dass beide erstochen und tot sind. Ich gehe weiter in ein großes weißes Zimmer. Ein kurzer Korridor mit blauem Teppich führt zu einer Halle. Überall Tote, wie Wachspuppen, auf Stühlen sitzend, in einer Badewanne liegend, friedliche ernste Gesichter, wenig Blut. Am Ende des Korridors sind drei Türen, jeweils eine in jeder Wand. Die Tür an der Stirnseite ist offen. Eine rothaarige Frau winkt mich in das Badezimmer. Man kann dieses Zimmer nur verlassen, indem man sich aufrecht in den Abfalleimer stellt. Der Boden des Eimers, an dem Kot klebt, öffnet sich, und man fällt durch eine Röhre. Am Boden liegend erwachte Edward. Sein erster Blick fiel auf den mit Kot verklebten Dildo, der direkt neben ihm auf dem Teppichboden lag. Vivian rührte sich nicht. Er ging durch den Korridor ins Bad, wusch sich die Hände, schlüpfte anschließend rasch in seine Klamotten und suchte nach einem Zettel und Stift im Sekretär des Wohnzimmers. Er zog die vielen kleinen Schublädchen leise auf. Ein leicht zerknitterter Zettel sprang ihm sofort in die Augen. Die Patientenkarteikarte eines Gynäkologen. Syphilis im fortgeschrittenen Stadium. Diagnose für Vivian Schreber. Edward blickte fassungslos hinüber zur Schlafenden, die wie eine Puppe aus Wachs nun auf ihn wirkte. Neben ihr lag noch immer unberührt das dicke Buch. Rasch bewegte er sich auf den Wälzer zu, hob es auf und ging damit in den Korridor. Jemand hatte eine Widmung mit der Hand hineingeschrieben, Hexenverbrennungen sind aus der Mode gekommen, Hexenjagden aber nicht. Edward fühlte sich unbehaglich, stürzte zur Tür und gelang hinaus an die frische Luft. Er fühlte sich erschöpft so als klopfe der Tod am Ende seines Lebens an die Haustüre. Guten Tag, lass mich herein. Er hörte deutlich diese Frauenstimme in seiner Ohrmuschel. Dem Wahnsinn nahe kletterte er ohne große Überlegung in den Linienbus 23 Richtung Westfriedhof. Die Türen verschlossen sich hinter ihm, der Fahrer grinste ihn mit kalten Augen durch den Rückspiegel des Busses an. Die Degeneration der Art verlangt ihre Auslöschung. Aber es kommt eine Zeit der Erneuerung der Menschheit strebend nach Wahrheit und Schönheit. Die Frau flüsterte erneut und Edward glaubte nun schemenhaft Pythia zu erkennen. „Ich werde den Tod austricksen“, schrie Edward in den menschenleeren Bus. Er fühlte seinen Körper jetzt nicht mehr. Als ein schwarz gekleideter Mann ihm ein Fläschchen reichte, verließ ihn sein Gedächtnis. Fremde Mächte hatten seinen Drang nach Zerstörung hervorgerufen, sein Unterbewusstsein angezapft. Mens sana in corpore sano, Pythia frohlockte aus dem Hintergrund. Als Edward erwachte, lag Onkel Theo tot neben ihm auf dem Boden seines Hauses. Er hielt die Pistole noch fest umschlungen in der linken Hand. Der Onkel blickte friedlich mit weit geöffneten Augen zur Decke. Onkel Theo wirkte auf Edward erstmals seit langer Zeit wieder menschlich. Hatte er es wirklich getan und diesem alten Dreckskerl den Gar aus gemacht? Hatte Pythia ihm nicht vor langer Zeit bereits diesen Drachenkampf angekündigt und ihm das Ende der Unmenschlichkeit prophezeit? Und war Onkel Theo nicht die Verkörperung dieser Unmenschlichkeit gewesen? War dieser alte Mann all die Jahre nicht die Brutstätte dafür, dass er sich permanent von ihm erniedrigt fühlte. War sein Verstand unter dieser Überbelastung endgültig zusammengebrochen. Edward erinnerte sich nicht und stellte das folgende Paradoxon auf: Zwar wusste niemand, was hier los war, aber was hier los war, wusste jeder. Was in der Vergangenheit sich bewährt hatte, sollte auch für die Zukunft möglich sein. Am Ende wollten sie alle diesen alten Dreckskerl doch eh nur beerben. Edward wusste, niemand würde eine Selbstmordgeschichte anzweifeln. Nur er allein musste mit der Wahrheit leben. Edward ging entlang dem Steinfussboden zurück ins Haus, lehnte sich entspannt im Stuhl sitzend zurück und lauschte dem Sprecher im Radio.