Siegfried und Arminius: Ein Nibelunge?
Ist in der heutigen Zeit das Attribut "Siegel-Autor" ein Synonym für den Begriff "ich habe die letzten 150 Jahre Heldensagenforschung verschlafen und verkaufe jetzt uralte nationalistisch verbrämte Romantikerromantiken als dufte, neue Ideen"? Manno-Mann, denke ich. Der Autor (Spiegelautoren sind sooo intelligent; sonst wären sie doch nicht bei einem solchen Blatt beschäftigt und dürften für dieses die Feder schwingen, dass sich selbst als unbestechlich betrachtet). Dann geht diese Titelgeschichte in die vereinigte Brainpower der Journalisten-Elite der Republik, und man kann es nicht fassen: die Titelstory der Spiegel-Ausgabe 20/2005 ist gezeugt und wird geboren. Zitat: "Gab es einen echten Siegfried? Liegt der Schatz der Nibelungen in einem Berliner Museum? Forscher suchen nach einem historischen Kern des Lindwurm-Epos. Ihr Verdacht: Der Sagenheld ist identisch mit Herrmann dem Cherusker, der vor 2000 Jahren das militärische Ungeheuer Rom herausforderte." Durch mein Studium an der Fakultät für angewandten Irrsinn an der Universität von Mu, Mu-Island, bin ich natürlich gerüstet, eine solche wissenschaftliche Analyse zu würdigen. (Ich verzeihe mir diesen Anflug von Eigenlorbeer, die Leserschaft möge ebenso handeln) Nundenn Knappe, reiche er mir Lanze und Schild. Der urdeutsche Vorfahr von Arminia Bielefeld, Herrmann, ist von einem gewissen Tacitus verbürgt. In verschiedenen Scharmützeln vermöbelten die seinerzeit in der Region ansässigen die Besatzer und es war die schlimmste Niederlage, die die Römer bis Dato erlebt hatten. Arminius ging hierdurch in die Geschichte ein. Da jedoch "Arminius" nicht sehr deutsch klingt ("deutsch" wird erst Jahrhunderte später stattfinden, heißt er nun Herrmann. Herr wie herrschen und Mann wie potent. Der andere, Siegfried oder Sigurd oder Sigfrid, seineszeichens Drachentöter, hingegen, ist so real wie der Drache, Alberich oder Darth Vader. Und jetzt kommt das Neue: Wie schon in der Vergangenheit, wird der Versuch unternommen, die Figuren so in Verbindung zu bringen, dass Arminius und Siegfried zu einer einzigen, historischen Figur verschmelzen. Dabei bedienen sich die Protagonisten dieses Versuches, bar jedes Gefühles der Peinlichkeit, gewisser Kausalitäten, untermauern mit Bildern, Zeitvergleichen, Kunstsammlungen, Testimonials, und 1 Kubikmeter Alleskleber, reitend auf einer nationalistischen Welle, uns, dem Volk, glauben zu machen, es gäbe einen Ahnen, auf den wir als Deutsche und damit auf uns selber stolz sein können. Dies scheint der einzige Sinn ihrer Unternehmung zu sein; denn der Inhalt der Story ist so was von hahnebüchen und substanzlos - einen Zweck muss es doch geben. Da wird aus dem Drachen der glitzernde Lindwurm; die Soldaten-kolonnen glänzen metallisch... alles klar?. Siegfried zerlegt die sechs Kilometer lange Schlange und nimmt ein Bad. Seine Tarnkappe (eigendlich ein Umhang) erklärt, warum Arminius im Dickicht verborgen war. Echt Klasse. Und der alte Barbarossa wird auch noch bemüht, um der Geschichte den mystischen Kick zu geben. Der soll doch eines Tages zurückkehren und verharrt im Kyffhäuser. Leicht wird hier jedoch vergessen, dass mit dem Mann im Berg ja eigentlich der Enkel (stpor mundi) FriedrichII gemeint war. FriedrichII passt allerdings nicht in das katholisch-romantische Weltbild. Wurde er doch zur Ausgeburt des Satans gemacht. Ertrunken im Fuss, scheint mir Barbarossa Futter der gleißenden Schange geworden zu sein. Das aber nur am Rande erwähnt. Der Nibelungenhort wird im Artikel auf einige Essbestecke und Suppenschüssel reduziert, obwohl doch jeder weiß, dass die Nibelungen die Stelle, an der sie den Schatz versenkten, mit einem Kreuz markierten. Auf Nachfrage hat mir dies Hagen per email bestätigt!! Lustig wird die romantisierende Verblödung auf Seite 150 des Spiegel: Ein obskures Bildchen stellt eine christliche Aufbahrungsszene dar.Von 1 - 9 durchnumeriert, die Hauptdarsteller (Siegfried hat die 7 erwischt. Hagen, der Meuchler des Siegfried, schwarze Tracht mit Fledermaus-Helm, ist als einziger bewaffnet. Diese Symbolik ist zu verstehen. Aber was Siegfried mit dem Reichsapfel soll (der seriösen Heldensagen-Forschung nach spielt die Siegfried-Saga im FÜNFTEN Jahrhundert) verstehe wer will. Dann sehen wir noch ein vier Meter großes Kreuz mit Jesus und im Hintergrund haben wir König Gunther mit Reichsadler und ein, mindestens, Bischof mit Hirtenstab überwacht die Trauergemeinde. Bismarck wird als "Siege-Siegfried" herangezogen - und - ASTERIX flugs zum Volkshelden erklärt, auf den die Franzosen stolz seien. Dass die Selbstironie der Franzosen dabei unerwähnt bleibt und stattdessen "der reale Widerständler" Arminius es gefälligst viel eher wert sei, von uns als Volksheld gesehen zu werden, ist Intention. Dies soll nun genug sein. Denn, wäre es nicht gerade die Titelstory des Spiegel, womit sich der Spiegel in meinen Augen so richtig blamiert hat, wäre der Inhalt des Aufsatzes nicht der üblen Nachrede wert; der intellektuelle Inhalt ist amöbisch. Lästerliche Ergänzunge sind willkommen. RECHTFERTIGUNG BLEIBT ERFOLGLOS!!! Du haben Flasche leer. Da fällt mir noch ein Wort von Tom Robbins ein, gesprochen in seinem Roman "Der Buntspecht": Viele Leute glauben, das Dumme erzeugt das Böse. Wir behaupten, das Dumme ist das Böse. Eine Frage habe ich noch: Was ist aus der (siehe Froschkönig) Goldenen Kugel geworden?