Sympathische Lady!
Es gibt sie noch, interessante und spannende Familiengeschichten! Alan Bennet, englischer Schriftsteller, schildert eindringlich die Suche nach dem Grab von Onkel Clarence, der im Ersten Weltkrieg gefallen ist.- Zur prägenden Kindheitserinnerung wird die Vorliebe der Eltern fürs Lesen: „Ihr Leben lang pflegten sie ihre Sehnsucht nach Weiterentwicklung und sahen in Büchern den Schlüssel dazu.“ Zur eigenen Familie gesellt sich eine außergewöhnliche Frau, die ihn ebenso nervt wie fasziniert. Miss Shepherd, einst Novizin, „jetzt Kommunistin und der römisch-katholischen Kirche untertan“, haust seit Jahren mitsamt ihren Habseligkeiten in einem Lieferwagen. Weil sie den falsch geparkt hat, steht er nun im Garten des Erzählers. Gutmütig duldet er die „Vogelscheuche“ im Rock aus zusammengebundenen Staubtüchern und kakhifarbener Schirmmütze mit dem Schriftzug „Rambo“! Streitlustig verteilt sie Pamphlete vor einer Bank: „Der Heilige Franziskus hat das Geld VON SICH geschleudert.“ Respektlos wird sie als „Alte Jungfer“ bespöttelt; warum sie nicht geheiratet hat, erklärt sie einleuchtend: „Weil ich noch keinen Mann gefunden habe, der mich befriedigen konnte.“ Oha. Merkenswert auch ihre Traktätchen-Botschaft: „Man muss der Vernunft Gehör verschaffen und Wissen verbreiten.“ Alan Bennet setzt der schlitzohrigen „Tragödin oder Komödiantin“ ein literarisches Denkmal. Allein ihre traurige und amüsante Geschichte lohnt es, das Buch des hervorragenden Autors zu besitzen. Alan Bennet: Die Lady im Lieferwagen. Erzählungen. Aus dem Englischen von Ingo Herzke. Berlin: Wagenbach Verlag 2007. 91 Seiten, 11,90 Euro