Tatra, Fatra, Matra
** Mittwoch, 7. September 2005 ** - Sonnig, 27°C - ** Grein (Oberösterreich), AT ** - km 20’963 Was wir gestern Abend nicht mehr geschafft haben, folgt heute Vormittag: Ein Spaziergang durch das Dorf. Neben ein paar schönen Häusern, Erkern und Blumengärtchen ist es vor allem das über allem thronende Schloss, das hier Aufmerksamkeit erregt. Wir folgen dem Treppenweg hinauf: im Innenhof des Schlosses ein dreistöckiger Rundgang aus schön verarbeitetem Granit, und wohl ein dutzend Hirschgeweihe zieren die Seitenwände. Nach einem Aussichtspunkt über die Donau, die nach einer Biegung in einer Talenge verschwindet, steigen wir wieder hinunter und fahren los. Lange geht es direkt der Donau entlang. Nach einer Weile weitet sich das Tal, und auf einem Hügelrücken kann man den Stiftskonvent von Melk erkennen. Dann geht es durch die Weinbaugebiete der Wachau mit ihren Hügelzügen auf beiden Seiten und den Gutsschlössern und verfallenen Burgen. Nach Krems wird das Tal wieder flach, und wir reisen zügig Richtung Wien. Schon kämpfen wir uns durch die engen, überfüllten Vororte, als wir das Schild zu unserem Campingplatz erblicken. Flugs an die Reception. Die Dame schüttelt aber bedauernd den Kopf: Kein Platz mehr! Nach fünf Monaten Reise stehen wir das erste Mal vor geschlossenen Schranken. Zwar bietet uns die Dame einen Notplatz auf einem Durchgangssträsschen inmitten regulärer Camper an, und zur Not ginge das auch. Wir fahren aber lieber 20 Kilometer zurück nach Tulln, einer Kleinstadt ebenfalls an der Donau, um morgen unser Glück nochmals zu versuchen. ** Donnerstag, 8. September 2005 ** - Sonnig, 27°C - ** Tulln (Niederösterreich), AT ** - km 21'166 Kurz nach elf Uhr stehen wir schon wieder an der Schranke am Campingplatz in Klosterneuburg. Diesmal klappt’s. Nach dem Aufstellen und einer kleinen Stärkung geht’s mit Bus und U-Bahn ins Zentrum der Kaiserstadt Wien. Vom Schwedenplatz aus erkunden wir den Kern der Altstadt mit seinen stuckverzierten Häusern, den gemütlichen Beizen und den geschäftigen Handelshäusern aller Art, vom jahrhundertealten Traditionsunternehmen (K & K Hoflieferant) bis zur modernen Markenkette. Beim Stephansdom stossen wir auch gleich auf eines der Häuser, die wir schon bei unserem letzten Wien-Besuch mit einem Einkauf beehrt haben: Haas & Haas, wohl der bestsortierte Teeladen, den wir kennen. Wir schnüffeln (man sollte wohl eher sagen: schnuppern) aber vorerst nur ein wenig herum und decken uns mit Teesorten-Listen ein. Der Stephansdom, mit frisch renoviertem Dach, glänzt in der Sonne, aber der Turm ist von einem grossen, mit einem überdimensionalen Werbeplakat behängten Baugerüst verdeckt, so dass die Fotos nicht sehr vorteilhaft werden. Wir flanieren weiter, an den berühmten Kaffeehäusern Meinl und Demel vorbei, dann aber erliegen wir am „Neuen Markt“ der Versuchung der süssen Kuchen in den Auslagen der Konditorei Oberlaa. Leo wird langsam müde, weswegen wir danach an den Ring fahren und dort zur günstigsten Sightseeing-Tour aufbrechen: Die Trams Nummern 1 und 2 fahren kreisförmig in entgegen gesetzter Richtung jeweils der Ringstrasse und dem Donaukai entlang, und man sieht viele Sehenswürdigkeiten: Universität, Burgtheater, Rathaus, Parlament, Hofburg, Kunst- und Naturhistorisches Museum, Staatsoper, Stadtpark, Urania. Nach eineinhalb Runden steigen wir in der Nähe des Karlsplatzes aus und tigern durch den Naschmarkt, an dessen zwei Gassen mit Verkaufsständen Fleischwaren, Gemüse, Früchte, Backwaren und jede Menge orientalischer Spezialitäten verkauft werden. Leckere Auslagen! Aber natürlich wird man von den Händlern in gebrochenem Deutsch sofort angequatscht, wenn man beim Vorbeimarsch auch nur zögert. Wieder zurück im kaiserlichen Teil, der Hofburg, entdecken wir zwischen prunkvollen Toren und langen Hofgebäuden ein (offenbar für einen Anlass vorübergehend angelegter) Schrebergarten, der einen Teil eines Zierrasens einnimmt und durch einen nostalgischen, aus alten Türen und Fenstern zusammen gezimmerten Zaun abgeschlossen ist. Und wie schliesst man einen Tag in Wien würdig ab, besonders im Herbst? Natürlich beim Heurigen in Grinzing. Mit der „Bim“ (Strassenbahn) fahren wir in das ehemalige Winzerdorf und finden nach kurzer Zeit unseren „Stammheurigen“ namens „Martin Sepp“, den wir ebenfalls schon beim letzten Besuch entdeckt haben. Na ja, gerade ein Geheimtipp ist er nicht, ist doch das Lokal mit gut 100 Plätzen gut mit einer internationalen Schar von Madrid bis Tokio belegt. Unser Menu: Spare Ribs an Honigsauce, ein auf einem Holzbrett mit Salat und Kartoffeln servierter Traum. Das Brett und unsere Mägen sind fast zu klein für die drei Rippenstücke, die da serviert werden. Dazu gibt es weissen Sauser - oder wie er hier genannt wird: Sturm - der tatsächlich ganz milchig weiss ist und ausgezeichnet mundet. ** Freitag, 9. September 2005 ** - Sonnig, 28°C - ** Klosterneuburg (Niederösterreich), AT ** - km 21’188 Papa und die Kinder erholen sich auf dem Campingplatz und seinem grossen Spielplatz von den Strapazen einer Stadtbesichtigung. Mama erledigt in dieser Zeit die gestern nur erschnupperten Einkäufe im H&H und vollendet die Besichtigungsrunde in der Hofburg. Ausserdem erhält das Hundertwasserhaus, das zur Zeit gerade Jubiläum feiert, von ihr einen ausgiebigen Besuch: Das bunte, begrünte Haus, das den rechten Winkel und die gestalterische Gleichschaltung scheut wie der Teufel das Weihwasser, verblüfft mit seiner Vielfalt jeden Besucher und erlaubt den Bewohnern die eigene künstlerische Ausgestaltung ihres Wohnteils, ohne dass darunter das Gesamtbild leidet (im Gegenteil). Am Abend veranstaltet eine niederländische Camper-Gemeinschaft auf dem Campingplatz ein Fest. 25 Gespanne sind auf einer gemeinsamen Reise am Mittwoch hier angekommen, und mir dämmert, weswegen wir keinen Platz mehr erhalten hatten… ** Samstag, 10. September 2005 ** - Bedeckt, regnerisch, 24°C - ** Klosterneuburg (Niederösterreich), AT ** - km 21’188 Zum Frühstück gibt’s ein paar Regentropfen, die ersten seit zwei Wochen! Wir brechen beizeiten (obwohl nicht ganz früh genug) auf, um am Flughafen Wien-Schwechat, der sich am anderen Ende der Stadt befindet, Jean-Michel’s Götti Philippe abzuholen, der uns ein paar Tage begleiten wird. Jean-Michel hat schon die ganze Woche in Vorfreude die Tage abgezählt, bis der Götti kommt… Als wir in Schwechat ankommen, ist Philippe schon da, und so geht es fix weiter. Bis zur Grenze ist es nicht weit… …und gleich dahinter liegt die slowakische Hauptstadt Bratislava (Pressburg). Und wie schon alle Monate davor sind wir auch an diesem 10. in einer Hauptstadt, mit der Durchfahrt durch Wien sind es heute sogar zwei. Bratislava hat eine gefällige Innenstadt, aber im Vergleich mit den bisherigen besuchten Städten nicht sehr eindrucksvoll. Ein Spaziergang durch die Gassen und Plätze der eher beschaulichen Stadt lohnt sich aber auch bei leichtem Nieselregen allemal. Nach einem Einkaufshalt geht es entlang der kleinen Karpaten durch ein ausgedehntes Weinbaugebiet, wobei neben den Weinbergen auch ausgedehnte, grosse (unparzellierte) Korn-, Mais- und Sonnenblumenfelder zu sehen sind. Die Ortschaften sind klein und verschlafen, haben meist Strassendorfcharakter mit langen Zeilen aneinandergebauter kleiner, einstöckiger Einfamilienhäuser. Viele davon sind in einem schütteren Zustand, dann und wann sieht man auch frisch renovierte Häuser und gelegentlich eine neuerbaute Villa, die aber eher Ausnahme bleiben. Kurz bevor die Nebenstrasse bei Piestany wieder in die Hauptverkehrsachse im Talboden des Vah mündet, finden wir an einem kleinen Stausee ein aufgegebenes Campingplatzgelände, das sich für eine Übernachtung natürlich gut eignet. Neben uns ist auch eine Clique Tschechen auf dem Platz, die uns sofort von ihrem Sliwowitz zur Verbrüderung anbieten… ** Sonntag, 11. September 2005 ** - Bewölkt, 23°C - ** Vrbové (Trnava), SK ** - km 21’363 Beim Frühstück kann sich das Wetter noch nicht zu einer klaren Haltung durchringen: weil es recht warm und sonnig ist, stellen wir den Tisch draussen auf, dann müssen wir aber wegen eines leichten Regens die Store schützend darüberziehen. Da wir heute vor allem fahren, spielt es nicht so eine Rolle, auch wenn man bei klarem Wetter natürlich mehr von den nun höher werdenden Bergen sehen würde. Die Fahrt führt durch das Tal des Vah bis nach žilina, dann ostwärts Richtung Hohe Tatra. Nach halber Strecke übernimmt Philippe das Steuer, und ich kann für einmal auf dem rückwärtigen Bett das Schaukeln auf den Unebenheiten der Strasse ausprobieren. An der Nordseite des Stausees Liptovsky Mara, schon in Sichtweite (zumindest theoretisch…) der Hohen Tatra, liegt ein Campingplatz am stillen Ufer. Das grosse, leicht abschüssige Terrain lässt darauf schliessen, dass im Hochsommer hier Hochbetrieb herrscht; immerhin vertritt das Dutzend heute hier campender Touristen halb Europa von Dänemark bis Italien. Und die Jungs geniessen verschiedene Ballspiele mit Götti Philippe. ** Montag, 12. September 2005 ** - Teilweise bewölkt, 22°C - ** Liptovsky Mikulaš (žilina), SK ** - km 21’600 Eine sich durch den weiten Wald schlängelnde Strasse bringt uns an den Fuss der Hohen Tatra in den Wintersportort Strbske Pleso. Von hier führt eine Schmalspurbahn durch verschiedene Kurorte bis nach Tatranska Lomnica, wo sich unser nächster Campingplatz befindet. Flugs sind Fahrkarten für alle gekauft, und schon geht es mit den modernen Triebfahrzeugen los. Schon auf der Anfahrt hatten wir ein paar Abschnitte mit Sturmschäden gesehen; das Bild, was sich uns einige Kilometer nach der Abfahrt bietet, ist aber erschütternd: Über viele Quadratkilometer ist der Wald bis auf die Stummel und ein paar übrig gebliebene Bäume abrasiert! Das Bild ist uns von den Lothar-Sturmschäden bekannt, aber in dieser Ausdehnung habe ich das noch nie gesehen. Die Bahn schlängelt sich durch die abgesägten Baumstämme, wobei schon viele davon abtransportiert wurden und die Holzarbeiter immer noch intensiv an den Aufräumarbeiten sind. Die ehemals im dichten Wald versteckt liegenden Hotels und Sanatorien haben plötzlich freie Sicht auf das Tal und wirken in dieser leeren Umgebung irgendwie fehl am Platz. In Stary Smokovec machen wir einen Halt und schlendern durch die Strassen des einstigen Nobelkurorts. Vieles wurde und wird noch liebevoll wieder aufgebaut, restauriert und erneuert, aber bis der Ort wieder idyllisch in dem weiten Wald liegt, müssen noch einige Jahre vergehen. Immerhin haben Restaurants und Sportgeschäfte weiterhin Konjunktur. Und über allem thronen die Gerlachspitze und die anderen Gipfel der Hohen Tatra mit ihren Wolkenhüten. Ich fahre dann zurück, um das Wohnmobil zu holen, während der Rest der Familie nach Tatranska Lomnica weiterfährt. Nachtessen gibt es diesmal im Restaurant auf dem Campingplatz, welches zwar vom Ambiente her den Charme einer Kantine hat, aber recht gutes und preiswertes Essen bereit hält. ** Dienstag, 13. September 2005 ** - Bedeckt, regnerisch, 23°C - ** Tatranska Lomnica (Presov), SK ** - km 21’668 Über ein paar Strassenwindungen über die waldbedeckte Niedere Tatra erreichen wir ein in den Tourismusunterlagen hoch gelobtes Ziel und UNESCO-Welt-Naturerbe: Die Eishöhle von Dobšina. Ein gutgelaunter Parkwächter marschiert sogleich auf uns zu und verspricht uns für die 200 SKK Parkgeld (ca. 8 CHF) unbegrenztes Parkieren und einen überwachten Parkplatz. Wir sehen gerade keine andere Möglichkeit… Wir schnüren unsere Wander- oder besten Sportschuhe und machen uns auf den 20minütigen Waldspaziergang zum Höhleneingang, den wir gerade erreichen, bevor der Gewitterregen am heftigsten wird. Kurz vor zwei öffnet die Kasse, sammelt 150 SKK pro Person ein, dann geht es zum Eingang. Gleich nach der Ticketkontrolle, noch vor dem Eintauchen in den steilen Felsschlitz, packt uns die angestaute Kälte, die in dieser Höhle seit 25’000 Jahren für die Bildung der dreissig Meter dicken Eisschicht sorgt. Über eine steile Treppe geht es ins Innere der Höhle; teilweise führt der Weg durch einen in die Eismassen gehauenen Tunnel. An drei Stellen leiert die Führerin ihre Erklärungen monoton und emotionslos und ausschliesslich auf slowakisch ab. Auf die Frage eines Touristen, ob sie denn nicht ein paar Worte in deutsch oder englisch sagen könne, antwortet sie knapp und in Beamtenton, dass fremdsprachige Führer erst ab Gruppen von 40 Personen vorgesehen seien (wohlgemerkt, 40 fremdsprachige Personen). Durch einen Saal, der mit einer Eisschicht bedeckt ist und zwei Eis-Stalagmiten enthält, gelangen wir wieder zur Eingangstreppe und sind nach 20 Minuten bereits wieder an der Wärme. Etwas verdattert stehen wir beim Ausgang, während die Angestellten den Souvenirladen verriegeln, und als wir zum Wohnmobil zurückkehren, ist die gross angekündigte Security am Parkplatz verschwunden, da es sich ja um die letzte Führung handelte und es folglich nichts mehr einzukassieren (wohl aber zu bewachen!) gibt. Fazit: NICHT EMPFEHLENSWERT. Die Höhle an sich ist geologisch wohl etwas Besonderes, zum Besichtigen aber nicht so; da erinnern wir uns lieber an die Eismassen (mit Höhlengängen und wunderbaren Eisskulpturen) auf dem Jungfraujoch, einen Besuch im Grindelwaldgletscher oder im Eisskulpturenpark am Schwarzsee. Und was die Betreiber bezüglich Gastfreundschaft noch alles lernen könnten… dazu würde ich ihnen einen Besuch in der Beatushöhle am Thunersee vorschlagen, wo die Führung, sofern zu wenig Leute für separate Führungen dabei waren, selbstverständlich von ein und derselben Person in drei Sprachen abgehalten wurde, oder in der Höhle von Han sur Lesse (siehe 14. Juni), wo den japanischen Touristen mitgeteilt wurde: „Leider ist es uns nicht möglich, die Führung in Japanisch abzuhalten, aber Sie bekommen bitteschön hier ein Übersetzungsblatt…“ Für uns ist dann irgendwie gerade genug Slowakei, so dass wir zügig Richtung Grenze fahren, die wir bei Aggtelek erreichen. Die beiden Zöllner schauen sich die Pässe genau an, kommen sogar ins Wohnmobil, um die Gesichter mit den Fotos zu vergleichen. Da weit und breit kein anderes Fahrzeug in Sicht ist, nehmen wir an, dass die Gründlichkeit eher in Langeweile gründet denn in Sicherheitsdenken, so als ob wir an diesem Schlagbaum, der dann eigens für uns geöffnet wird, die einzige Attraktion des Tages wären: „Schau mal, ein Wohnmobil! Das schauen wir uns gleich genauer an.“ Nach der Grenze werden die Häuser deutlich gefälliger; auch hier gibt es vernachlässigte Bauten, aber die renovierten oder zumindest neu gestrichenen überwiegen, und viele verschönern ihr Zuhause mit bunten Blumengärtchen zur Strasse hin. Die Dorfstrassen mit ihrem usrprünglichen Charakter und dem Blumenschmuck an den Laternenpfählen geben ein freundliches Gesicht. Ein paar Kilometer vor Eger biegen wir zum „Öko-Park Kemping“ ein, einem kleinen, schön gemachten und gut eingerichteten Campingplatz.